Ereignisse

3. April 1848

1848: von priviligierter Nation zur nationalen Minderheit: Die Siebenbürger Sachsen in der Revolution von 1848/49

In der Historiographie der Siebenbürger Sachsen wird gewöhnlich die im Jahre 1876 erfolgte Auflösung ihres Selbstverwaltungsgebietes, des sogenannten Königsbodens, als die einschneidendste Zäsur in ihrer Geschichte seit der Einwanderung eingeschätzt. In Wirklichkeit handelt es sich dabei bloß um den Schlusspunkt einer Entwicklung, die bereits unter Kaiser Joseph II. 1781 durch die Einführung der sogenannten Konzivilität auf Sachsenboden begonnen hatte. Dadurch wurde nämlich das ausschließliche Besitz- und Wohnrecht der Sachsen auf ihrem Selbstverwaltungsgebiet aufgehoben. Die größten Veränderungen brachten hingegen die durch die Revolution von 1848/49 erzwungenen Reformen. Unter dem Druck der Märzrevolution in Wien versprach der österreichische Kaiser eine liberal-konstitutionelle Staatsordnung, politische und nationale Gleichberechtigung für alle Staatsbürger und Völkerschaften, Pressefreiheit sowie die Aufhebung der grundherrschaftlichen Verhältnisse. Die Umsetzung dieses Reformprogramms bedeutete für Siebenbürgen unter anderem das Ende der bisherigen privilegierten Stellung der drei ständischen Nationen und des mittelalterlichen Ständestaates, Gleichberechtigung für die bis dahin lediglich tolerierten Rumänen und die Befreiung der hörigen Bauernschaft.

Es gehört zur Tragik der Siebenbürger Sachsen, dass die Gleichberechtigung aller Landesbewohner und die Gewährung allgemeiner bürgerlicher Freiheiten für sie großen verfassungsrechtlichen Verlust und eine ethnische Bedrohung zur Folge hatte. Nicht darum, weil sie solche Rechte und Freiheiten ablehnten, im Gegenteil, sie besaßen bereits seit ihrer Ansiedlung in Siebenbürgen auf Königsboden ein privilegiertes auf Gleichheit fußendes Gemeinwesen, das keinen grundherrschaftlichen Adel, sondern nur freie deutsche Siedler kannte, die auf ihrem Territorium exklusive Ver-waltungsautonomie, Besitz- und Bürgerrechte besaßen. Diese Prinzipien sicherten ihnen jahrhundertelang ihre ethnische Eigenart. Die Siebenbürger Sachsen bildeten neben dem Adel und den Szeklern einen der drei Stände (Nationen) Siebenbürgens.

Als am 3. April 1848 die Nationsuniversität – das höchste politische Forum der Sachsen – die mittlerweile auf dem Territorium des sächsischen, autonomen Verwaltungsverbandes ansässig gewordenen Rumänen als gleichberechtigte Bürger anerkannte, war das sicherlich eine notwendige, aus den politischen Forderungen resultierende Entscheidung. Die Sachsen hörten dadurch aber auf, eine privilegierte, sprich: geschützte Nation zu sein. Sie wurden zu einer nationalen Minderheit im modernen Sinne des Wortes, denn sie bildeten nur etwas mehr als neun Prozent der Gesamtbevölkerung des Großfürstentums Siebenbürgen. Über 50 Prozent gehörten dem Rumänentum an. Da die Sachsen sogar auf dem Sachsenboden nicht mehr die Mehrheit stellten, geriet der Kampf um nationale Behauptung zum zentralen Anliegen ihres politischen Handelns. Es gab sogar Überlegungen über eine Auswanderung nach Deutschland.

Die Siebenbürger Sachsen sahen sich zunächst durch die offensichtlichen Magyarisierungsabsichten bedroht, übersahen aber nicht, dass langfristig die rumänische Mehrheit die größere Assimilierungsgefahr für die sächsischen Ortschaften bildete. Man darf aber sächsischerseits im Blick auf 1848 nicht nur über Verluste sprechen. Durch die Beseitigung der Grundherrschaft wurden nämlich auch etwa 40.000 Sachsen (das war ein Viertel der siebenbürgischen Deutschen), die auf Adelsboden gelebt hatten, von Hörigkeit und Fron befreit und mit Boden begütert.

Angesichts der neugeschaffenen Lage suchten die Sachsen nach neuen Wehren für ihren Bestand, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der geistig-kulturellen Verbindungen zum Mutterland Deutschland. Sie schickten daher Denkschriften an das Frankfurter Parlament in der Paulskirche mit der Bitte, bei der Neugestaltung des Deutschen Reiches solle die „Mutter Germania“ ihre außerhalb Deutschlands lebenden deutschen Kinder nicht vergessen. Die deutschen Vertreter haben für die Anliegen der Siebenbürger Sachsen zwar Verständnis bekundet, gleichzeitig aber auch darauf hingewiesen, dass es nicht in der Macht einer deutschen Regierung läge, konkret für ihren Schutz etwas zu unternehmen.

Die nach Frankfurt gesandten Abordnungen und Sendschreiben haben keine praktischen Auswirkungen gehabt, in ihnen hat jedoch das Gefühl der Verbundenheit der Siebenbürger Sachsen mit dem „großen deutschen Volk“ Ausdruck gefunden. In einem dieser Schreiben wurde auch ein Grundsatz formuliert, der Leitstern werden sollte für das Verhältnis der Siebenbürger Sachsen zu ihrem jeweiligen Vaterland und zum deutschen Mutterland bzw. zum Deutschtum. „Wir wollen sein und bleiben, was wir immer gewesen sind“ – hieß es im Sendschreiben des Siebenbürgisch-Deutschen Jugendbundes – „ein ehrlich deutsches Volk und auch ehrliche treue Bürger desjenigen Staates, dem wir angehören. Eines verträgt sich sehr gut mit dem andern: ja, eins ist nur möglich bei dem andern“. Es wird hier und auch später unmissverständlich ausgesprochen, dass eine Doppelloyalität nicht nur möglich, sondern auch Grundbedingung der Staatstreue ist.

In der Auseinandersetzung zwischen Ungarn und dem österreichischen Kaiserhaus, die im Herbst 1848 in Siebenbürgen in einen verheerenden Bürgerkrieg mündete, standen die Sachsen und Rumänen auf Seiten des österreichischen Heeres, nachdem sie die Vereinigung Siebenbürgens mit Ungarn angelehnt hatten. Sie erhofften sich nämlich innerhalb der Gesamtmonarchie mehr Schutz in nationaler Hinsicht als unter einer ungarischen Regierung, die nicht gewillt war, die ethnische Vielfalt des Landes zur Kenntnis zu nehmen und auf einen nivellierten, einheitlichen Nationalstaat hinsteuerte. Sächsischerseits trug man sich auch mit der Illusion, der „deutsche“ Kaiser werde seine „deutschen“ Untertanen gegen die Ungarn schützen. Die Sächsische Nationsuniversität sagte sich daher Ende 1848 vom ungarischen Ministerium los und beantragte bei Hof die Umwandlung des Sachsenlandes in eine selbständige, direkt dem Kaiser unterstellte Markgrafschaft als Kronland. Der Kaiser sollte den Titel eines sächsischen Markgrafen annehmen. Obwohl ermunternde Antworten aus Wien kamen, ist daraus nichts geworden. Mehr noch, Siebenbürgen wurde ab Dezember 1848 bis in den Sommer 1849 von ungarischen Truppen besetzt, die durch Gewaltherrschaft die Macht der ungarischen Regierung zu festigen suchten. Diesen Maßnahmen fiel unter anderem der bekannte siebenbürgisch-sächsische Reformer, Pfarrer Stephan Ludwig Roth (1796-1849), zum Opfer, da er sich gegen die Magyarisierungspolitik, für nationale Gleichberechtigung und Schutz ethnischer Minderheiten ausgesprochen hatte. Das missfiel den revolutionären ungarischen Kreisen, und Roth wurde am 11. Mai 1849 in Klausenburg standrechtlich erschossen.

Als die ungarische Revolution mit russischer Hilfe im Sommer 1849 niedergeschlagen wurde, kehrte zwar Ruhe ein, die Sachsen wurden aber von Wien aufs schwerste enttäuscht. Ihre loyale Haltung wurde nicht belohnt, es war keine Rede mehr von einer sächsischen Markgrafschaft, die sicherlich auch illusorisch war, im Gegenteil, die territoriale Autonomie des Sachsenbodens wurde aufgelöst und dessen höchster politischer Vertreter, Sachsengraf Franz von Salmen, abgesetzt.

Obwohl der Sachsenboden 1861 wiederhergestellt wurde, hatten weitblickende Männer schon 1848 erkannt, dass die sächsische Munizipalautonomie nicht auf Dauer zu halten war. Sie konnte zudem keinen Schutz mehr bieten, da in den Gemeinde- und Stuhlsvertretungen sowie in der Nationsuniversität nun auch Rumänen und Ungarn saßen. Die 1876 erfolgte Auflösung des Sachsenbodens ergab sich somit als logische Konsequenz. Er hätte allerdings bei einer ethnischen Neustrukturierung zu einer Verwaltungskörperschaft umgewandelt werden können, wie solche später in Plänen zur Föderalisierung der Habsburgermonarchie vorgeschlagen wurden und wie man sich heute lokale Verwaltungsautonomie für nationale Minderheiten vorstellt.

Das Hauptaugenmerk der Sachsen galt fortan der verstärkten Pflege der Muttersprache und der deutschen Kultur. Als neue Wehren im Abwehrkampf wurden die evangelisch-sächsische Kirche und die ihr unterstellten Schulen und Einrichtungen ausgebaut. „Evangelisch“ und „sächsisch“ wurden zu Synonymen, die evangelisch-sächsische Kirche zu einer wahren Volkskirche, zu einer kirchlichen und zugleich nationalen Institution.

Für die Siebenbürger Sachsen begann mit der Revolution von 1848 ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte, sie hatten sich nun, und verstärkt nach 1876, gegen die Magyarisierungspolitik Ungarns und nach 1918 gegen die Rumänisierungspolitik Rumäniens zu behaupten. Als sie nach 1944 vom nationalistisch-kommunistischen Regime als Deutsche verfolgt, deportiert, diskriminiert und enteignet wurden und durch nationalistische Maßnahmen ihr Fortbestehen gefährdet war, entschlossen sie sich zur Rückkehr nach Deutschland. Von den etwa 250.000 Sachsen der Vorkriegszeit leben heute weniger als 15.000 in Siebenbürgen, und die meisten davon in einem fortgeschrittenen Alter.

Lit.: Otto Folberth: Der Prozeß Stephan Ludwig Roth. Ein Kapitel Nationalitätengeschichte Südosteuropas im 19. Jahrhundert, Graz-Köln 1959. – Carl Göllner: Die Siebenbürger Sachsen in der Revolution von 1848-1849, Bukarest 1967. – Michael Kroner: Die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben in den Revolutionsjahren 1848/49, in: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde. 17. Jg., Heft 2, 1994, S. 144-155. – Irmgard Martius: Großösterreich und die Siebenbürger Sachsen 1848-1859, München 1957. – Friedrich Teutsch: Geschichte der Siebenbürger Sachsen für das sächsische Volk. Bd. 3, Hermannstadt 1910, S.206-290.

Michael Kroner

31. März 1895

1895: Der Weichseldurchstich bei Schiewenhorst

Als in der Nacht zum 1. Februar 1840 die Danziger Weichsel, der westliche Mündungsarm der Stromweichsel, infolge einer Eisstopfung den Dünengürtel der Binnennehrung beim Dorf Neufähr durchbrach und sich eine neue Mündung in die Ostsee schuf (siehe OGT 1990, S. 283-285), war nicht nur eine akute Gefahr für die gesamte Niederung, sondern auch für die Stadt Danzig (heute: Gdańsk) abgewendet. Dieses für einen der großen Ströme Europas einmalige Ereignis behob zwar einen aktuellen Notstand, doch in der Folgezeit verschlechterten sich die Abflusssysteme im gesamten Niederungsgebiet. Zudem erwies sich die neue Mündung in die Ostsee als nicht schiffbar. Die Elbinger Weichsel – der östliche Mündungsarm – versandete mehr und mehr, sodass bereits 1845-50 der sog. Weichsel-Haff-Kanal quer durch das Große Werder gebaut werden musste, um die Schiffsverbindung von Danzig nach Elbing (heute: Elbląg) und Königsberg (heute: Kaliningrad) aufrechtzuerhalten. Die Neufährer Durchbruchsstelle blieb wegen der anhaltenden Sinkstoff-Ablagerungen unkontrollierbar und steigerte das Risiko bei Eisgang und Hochwasser.

Die Idee einer gezielt angelegten direkten Ausmündung des Stroms in die Ostsee trat verhältnismäßig spät auf den Plan, weil man vermutlich davon eine grundlegende Lösung der Wasserprobleme im Unterlauf der Weichsel zunächst nicht erhoffte und wohl auch die technischen Möglichkeiten dazu nicht ausreichten. Den beiden Hauptschwierigkeiten – Überschwemmungsgefahr durch Eisgang und Hochwasser sowie unregelmäßige und zu geringe Wassertiefen – begegnete man fast das ganze Jahrhundert hindurch mit planmäßig durchgeführten Baumaßnahmen, die 1835 einsetzten und in ihrer ersten Phase bis zum Jahr 1879 liefen, wofür rund elf Mio. Mark aufgewendet wurden. Hauptansatzpunkt der Arbeiten bildeten – neben den konventionellen, zumeist von den Anliegern zu besorgenden Deichsicherungen – die genaue Fixierung von Strombettbreite und Fahrrinne in Verbindung mit der Regelung der Nogat-Abzweigung (für die jedoch erst im 20. Jahrhundert eine befriedigende Lösung gefunden werden konnte).

Die zweite Ausbauphase basierte auf einer vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten erstellten Denkschrift aus dem Jahr 1879, die dem Preußischen Landtag die Bereitstellung außerordentlicher Mittel empfahl, um endlich eine den Erfordernissen der modernen Schiffahrt genügende, durchgehende Mindestwassertiefe der unteren Weichsel zu erzielen. Für die Kosten dieser Regulierung war eine Summe von 8,5 Mio. Mark ausgewiesen, die zunächst für die Arbeiten am Stromlauf im Regierungsbezirk Marienwerder (heute: Kwidzyn) galt. Hinzu kamen ab 1885 weitere 6,9 Mio. Mark für die entsprechenden Maßnahmen im Bezirk Danzig, die ihren Abschluss 1894 fanden. Diese Arbeiten, die im Wesentlichen durch den ungünstigen Zustand der Weichsel in Russisch-Polen verursacht wurden, dienten vorrangig wirtschafts- und verkehrspolitischen Erwägungen und führten zugleich zu entscheidenden Verbesserungen der Landeskultur. Sie betrafen den – die meiste Zeit des Jahres vorherrschenden – Normalwasserstand, während die Gefahren der unkontrollierbaren Hochwasser und Eisgänge für das gesamte Weichseldelta weiter bestehen blieben. Da die Nogat sich speziell für die Eisabführung als völlig ungeeignet erwies, andererseits auch die Neufährer Mündung von 1840 sich immer ungünstiger entwickelte, rückte die Frage einer grundlegenden Neugestaltung der Weichselmündung in den Mittelpunkt. Auf die dringenden Wünsche der Anlieger hin veranlaßte die Preußische Staatsregierung Anfang der 1880er Jahre die Erstellung verschiedener Entwürfe, die – in Details abweichend – das einheitliche Ziel eines Durchstichs vom Ende der ungeteilten Weichsel in gerader Richtung nach Norden in die Ostsee vorsahen. Eine erneute Hochwasserkatastrophe im März 1888, die das gesamte Kleine Marienburger Werder und die Elbinger Niederung unter Wasser setzte, beschleunigte die Entscheidung und führte zum Gesetz zur „Regulierung der Stromverhältnisse in der Weichsel und Nogat“ vom 20. Juni 1888. Danach war als oberste Aufgabe die „Herstellung eines Durchstichs für den Weichselstrom durch die Danziger Binnennehrung auf der Linie Einlage–Ostsee nebst Bedeichung und Molenanlagen“ genannt und ein Kostenbeitrag von 20 Mio. Mark bewilligt. Die nötigen Vorarbeiten begannen sofort, die Bauausführung wurde 1890 in Angriff genommen.

Der 7,1 km lange Durchstich verkürzte den Weichsellauf um 10 km. Er setzte 1,5 km unterhalb der Abmündung der Elbinger Weichsel an und führte zwischen den Nehrungsdörfern Schiewenhorst (heute: Świbno) und Nickelswalde (heute: Mikoszewo) in die offene See, wobei die Strombreite sich von 250 auf 400 m erweiterte. Die Ausführung geschah in offener (und trockener) Baugrube. In die abschließende Düne wurde nur ein 50 m breiter Leitgraben von 1400 m Länge gelegt, durch den der Strom sich nach Flutung des Hauptgrabens und unter Mitnahme der lockeren Sandmassen selbst den Weg ins Meer bahnen sollte. Der Bau schritt zügig voran, weil die Arbeiten in der Hand nur einer einzigen Firma lagen. Für den Durchstich mussten 700 ha Niederungsland sowie 67 Wohnhäuser und 25 Wirtschaftsgebäude erworben werden. Der Bodenaushub betrug 7,2 Mio. Kubikmeter, wofür an Arbeitsgerät ein großer Teil der beim Bau des Nord-Ostsee-Kanals verwendeten Maschinen zur Verfügung stand. Im Sommer 1894 konnte der Stromdeich, der die Weichsel vom neuen Bett trennte, abgetragen werden, und am 6. November wurde der letzte Schutzdamm beseitigt und das Wasser in das neue Bett eingelassen.

Nachdem der Eisgang des Frühjahrs 1895 noch den alten Weg genommen hatte, sollte das anschließende Hochwasser die neue Mündung benutzen. Am 31. März 1895 um 15.45 Uhr erfolgte der Durchstich der Seedüne bei Schiewenhorst – der Weg war frei. Am nächsten Morgen hatte die Strömung den Leitgraben schon auf 300 m verbreitert. Im Sommer desselben Jahres wurden die alten Stromarme in Richtung Danzig und Frisches Haff endgültig verschlossen und durch Schleusenwerke zur Hauptweichsel gesichert. 55 Jahre nach dem Durchbruch bei Neufähr hatte die Weichsel nun eine durch Menschenhand und Ingenieurkunst geschaffene, endgültige Ausmündung erhalten, die die Jahrhunderte währenden Gefahren für die Niederungsgebiete wohl dauerhaft beseitigte und zugleich die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung des Stroms entscheidend zu heben vermochte.

Lit.: C. Müller: Die Regulierung der Weichselmündung, in: Centralblatt der Bauverwaltung Jg. 15 (1895), S. 133-139.- Die Weichsel. Ihre Bedeutung als Strom u. Schiffahrtsstraße u. ihre Kulturaufgaben, hg. von Richard Winkel, Leipzig 1839. – Bruno Schmidt: Vom Weichseldurchbruch und vom Weichseldurchstich, in: Westpreußen-Jahrbuch 1962, S. 117-119.- Hans Hoppe: Die Regulierung der unteren Weichsel, in: ebd. 1969, S. 59-64.

Peter Letkemann

5. April 1897

5. April 1897: Sprachenverordnung für Böhmen und Mähren

Im Nationalitätenkonflikt in Böhmen versuchte er die stimmenstarken Jungtschechen aus der Opposition zu holen, indem er 1897 eine Sprachenverordnung für Böhmen und Mähren erließ. Demnach sollte die völlige Zweisprachigkeit der Verwaltung nach innen und außen eingeführt werden. Die Beamten sollten nun den Nachweis der Beherrschung beider Landessprachen erbringen. Dies hätte die Tschechen bevorzugt, da unter deren Bildungsschichten die Kenntnis des Deutschen Standard war, während sich der Großteil der Deutschböhmen weigerte, Tschechisch als ebenbürtige Sprache anzuerkennen.

Am 5. April 1897 erließ das Kabinett Badeni eine neue Sprachenverordnung für Böhmen, der am 22. April eine entsprechende Verordnung für Mähren folgte. In 16 Paragraphen regelte die Verordnung den öffentlichen Gebrauch der beiden Landessprachen. Die wichtigsten Bestimmungen betrafen die Gleichstellung des Deutschen und Tschechischen in den Kronländern Böhmen und Mähren im äußeren und inneren Dienstverkehr der Behörden und die Maßgabe, dass ab dem Stichtag 1. Juli 1901 nur noch Beamte eingestellt werden durften, die beide Sprachen in Schrift und Wort beherrschten. Damit hatte sich der vornehmlich von tschechischen Politikern erhobene Anspruch auf Wahrung der historischen Ländereinheit gegenüber den deutschen Wünschen nach Einteilung des Landes in nach ethnischen Gesichtspunkten geschaffene Verwaltungseinheiten durchgesetzt. Alle Ämter und Gerichte waren verpflichtet, mit den Bürgern oder Parteien in der Sprache ihrer Eingabe zu verkehren und diese Sprache auch konsequent bei allen (auch innerbehördlichen) Amtshandlungen anzuwenden, die die Bearbeitung und Erledigung der Eingabe betrafen. Die geforderte Zweisprachigkeit der Beamten galt grundsätzlich für jeden Dienstort auch in ethnisch einheitlichen, »rein« deutsch oder tschechisch besiedelten Gebieten.

Absicht der Sprachenverordnungen war es gewesen, zu Ausgleich und Versöhnung zwischen der deutschen und der tschechischen Bevölkerung in den Kronländern zu kommen. Die Folge jedoch war eine der schwersten Staatskrisen der Habsburgermonarchie. Das lag vor allem an der Identifikation der Sprachenfrage mit der Nationalitätenfrage. Seit der Revolution von 1848 war die Nationalitätenfrage auch in Böhmen virulent. Forderungen nach Gleichberechtigung und gemeinsamem Vorgehen tschechischer und deutscher Bürger trat aber bereits die Proklamation einer Vorherrschaft der Tschechen im Lande entgegen. Der Historiker František Palacký lehnte als ”Böhme slawischen Stammes” eine Mitarbeit im Paulskirchenparlament zu Frankfurt ab, da kein unmittelbares Verhältnis des tschechischen zum deutschen Volk bestünde. Die Habsburgermonarchie als Schutzinstanz für die kleineren slawischen Stämme sowohl gegen deutsche wie russische Hegemonialansprüche sollte damit in keiner Weise in Frage gestellt, sondern gefestigt werden. Doch führten nationale Gegensätze in Böhmen rasch zu einer Radikalisierung der tschechischen Nationalbewegung. Die Unterbindung der Verfassungsdikussion durch Kaiser Franz Joseph am 7. März 1849 unterbrach auch die ersten Lösungsansätze der Nationalitätenfrage. Diese Frage erfuhr durch die Bevölkerungsentwicklung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts aus deutscher Sicht eine dramatische Verschärfung: Während die Zahl der Tschechen deutlich anwuchs, stagnierte die Zahl der Deutschen; zudem siedelten sich immer mehr Tschechen in bislang fast ausschließlich von Deutschen bewohnten Gebieten an. Durch die Wahlrechtsreformen der 70er und 80er Jahre verloren die Deutschen allmählich auch ihre (durch ein höheres Steueraufkommen bedingte) Überrepräsentation in den politischen Gremien. Der Bau eines Nationaltheaters, eines Nationalmuseums und die Teilung der Universität in Prag werteten das tschechische Nationalgefühl auf. Während diese Fortschritte die nationalen Forderungen der Jungtschechen nach Autonomie je-doch nur wenig befriedigten, wuchs bei den Deutschen in Böhmen ein Gefühl der Gefährdung heran. In beiden Lagern wurden nationalistische Töne laut, die jeweils Ängste der anderen Seite schürten. In der Folge entstand auf beiden Seiten eine Reihe nationaler »Schutzvereine« zur Wahrung kultureller und wirtschaftlicher Interessen.

Ein zentraler Bestandteil der nationalen Frage und der deutsch-böhmischen Ausgleichsverhandlungen war die Sprachenfrage. Bereits 1871 hatten tschechische Parteien eine innere tschechische Dienstsprache gefordert. Die »Taaffe-Stremayrschen Sprachenverordnungen« für Böhmen und Mähren vom 19. April 1880 verfügten die Doppelsprachigkeit bei Behörden und Gerichten im Verkehr mit der Öffentlichkeit und den Parteien. Im inneren Dienst und Amtsverkehr blieb das Deutsche als Amtssprache freilich weiterhin in Kraft. Diese Sprachenverordnung galt auch in »geschlossen« von Deutschen besiedelten Gebieten der böhmischen Länder. Daraus entstand ein Sprachenstreit, bewirkte die Sprachenverordnung doch eine »Bevorzugung« der Tschechen bei der Einstellung als Richter oder Beamte, da sie in aller Regel beide Sprachen beherrschten, während die Deutschen in Böhmen größtenteils nur ihre Muttersprache sprachen. Da in der Landesverwaltung ohnehin überwiegend Tschechen tätig waren, die nun vermehrt auch in deutschsprachigen Gebieten eingesetzt wurden, verstärkte sich bei den Deutschen das Gefühl der »Tschechisierung«. Eine Verschärfung bedeutete die Verordnung von 1886, durch die das Tschechische im Zuge der »Herstellung der Rechtsgleichheit« in den böhmischen Ländern gegen den heftigen Protest der deutschen Abgeordneten im Prager Landtag zur Dienstsprache an den Oberlandesgerichten in Brünn und Prag erhoben wurde. Die Vermittlungsgespräche brachten jedoch keine Lösung. Damit war das Ende der Regierung Taaffe eingeleitet.

Die Badenische Sprachenverordnung hatte die Beendigung des Sprachenstreits herbeiführen sollen, entzündete ihn aber zu ungeahnter Heftigkeit, weil Badeni wichtige psychologische Befindlichkeiten gerade unter der deutschen Bevölkerung Böhmens nicht beachtete und verletzte. In einer Situation, in der sich die Deutschen in Böhmen in allen Bereichen zunehmend in die Defensive gedrängt und ihre bisherige Vorrangstellung schwinden sahen, wirkte die Sprachenverordnung fatal; sie brachte das Fass der nationalen Empfindlichkeiten zum Überlaufen. Kasimir Badeni (1846-1909), seit 1895 österreichischer Ministerpräsident, war ein Mann des Ausgleichs. Zwar spielten bei dem Erlass seiner Sprachenverordnung auch politisch-taktische Gründe eine Rolle – er benötigte die tschechische Unterstützung zur Verlängerung des Ausgleichs mit Ungarn –, doch ging es ihm, der bereits eine Wahlreform und eine Einkommenssteuerreform erfolgreich durchgesetzt hatte, vor allem um mehr Sprachgerechtigkeit für die tschechischsprechende Bevölkerung. In der Konsequenz hieß das eine drastische Verschärfung der bestehenden Verordnungen von 1880 und 1886. Die Gleichstellung der inneren und »innersten« Amtssprache bezog sich auch auf Verlautbarungen der Behörden, die nicht durch Eingaben veranlasst waren, auf die Sprache vor Gericht, in öffentlichen Büchern (z.B. Grundbüchern), Formularen und Stempelungen der Post- und Telegraphenämter. Damit war keine Verdrängung der deutschen Sprache intendiert, sondern – positiv gewendet – die Gleichstellung der tschechischen Sprache in allen Lebensbereichen.

Die volle Gleichberechtigung beider Landessprachen, nach demokratischen Grundsätzen eine Selbstverständlichkeit, löste indes einen nationalen Entrüstungssturm aus, weil sie den Deutschen (selbstverschuldete) Nachteile bescherte: Einsprachigkeit wurde zum Karrierehemmnis. Hatten die Deutschböhmen zuletzt eine »ethnische Teilung« in einheitliche (»geschlossene«) deutsche bzw. tschechische Verwaltungskreise (die es so gar nicht mehr gab) angestrebt, so sahen sie sich nun als Minderheit einem verschärften Sprachendruck durch die Bevölkerungsmehrheit ausgesetzt, denn die zweisprachige Amtsführung der Zivilbehörden forderte nun einmal von allen Staatsbeamten in Böhmen die Kenntnis beider Landessprachen, die binnen dreier Jahre nachgewiesen werden musste. Für manche ältere Beamte, die nicht mehr in der Lage waren, die Sprache zu erlernen, konnte dies erhebliche soziale Härten mit sich bringen. In Mähren, wo wegen der größeren »Durchmischung« der Bevölkerung auch unter den Deutschen die Mehrsprachigkeit verbreiteter war, stellte sich dieses Problem nicht in derselben Schärfe. Hier wurde 1905 der sog. Mährische Ausgleich möglich. Zunächst jedoch setzte auf allen politischen Ebenen ein heftiger Sprachenkampf ein, der den nationalistischen Kräften auf beiden Seiten erheblichen Zulauf bescherte. Die parlamentarische Arbeit wurde durch »Obstruktion« unmöglich gemacht. Als die Regierung versuchte, durch eine Veränderung der Geschäftsordnung (»Lex Falkenhayn«) am 25. November 1897 die Obstruktionspolitik zu unterlaufen, kam es zu unbeschreiblichen Tumulten, die auf die Straße übergriffen. Mit der Demission Badenis am 27. November und seiner gesamten Regierung am Tag darauf war der Konflikt keineswegs beigelegt. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen besonders in Prag, Juden wurden wiederholt Opfer pogromartiger Übergriffe. Die Sprachenproblematik ließ sich jedoch nicht so leicht entschärfen, denn jede Revision der Sprachenverordnung betraf direkt die Interessen eines der beiden Völker. Auch Badenis Nachfolger Gautsch stürzte über eine Sprachenverordnung. Eine befriedigende Regelung der Sprachenproblematik hat es bis zum Ersten Weltkrieg nicht mehr gegeben. An Stelle einer gesetzlichen Regelung entstand ”eine Art fließendes [d.h. oft willkürliches] Sprachenrecht” (Gautsch). Die Ethnisierung und Radikalisierung des politischen Lebens wurde zum Menetekel, das entscheidend zum Untergang der Habsburgermonarchie beitrug.

Badenis »Traum«, die Deutschen und Tschechen in Böhmen mittels einer gerechten Sprachenverordnung miteinander zu versöhnen, hätte eine breite Zustimmung verdient. Die Interessen des anderen mitzusehen, hatte man in der (auch durch weitere »Streitpunkte«) angeheizten Atmosphäre verlernt. Stattdessen zerstörte die blinde Negation des Nachbarvolkes die Lebensgrundlagen für Generationen deutscher und tschechischer Bürger Böhmens. Das Neben- und Miteinander der Völker, die Wertschätzung der Sprache und Kultur des anderen, ist auch heute wieder zu einer unabdingbaren Voraussetzung für ein friedliches und fruchtbares Zusammenleben in Europa geworden.

Lit.: Horst Glassl: Der mährische Ausgleich. München 1967. – Berthold Sutter: Die Badenischen Sprachenverordnungen von 1897. Ihre Genesis und ihre Auswirkungen vornehmlich auf die innerösterreichischen Alpenländer. 2 Bde. Graz/Köln 1960-65. – Friedrich Prinz: Geschichte Böhmens 1848-1948. München 1988. – Hans Schenk: Die Böhmischen Länder. Ihre Geschichte, Kultur und Wirtschaft. Köln 1993. – Hannelore Burger: Sprachenrecht und Sprachgerechtigkeit im österreichischen Unterrichtswesen. Wien 1994. – Dies.: Die Badenischen Sprachenverordnungen für Mähren: Ein europäisches Gedankenspiel, in: Bohemia 35 (1994), 75-89.

Udo Wennemuth

23. September 1898

23.9.1898: Eröffnung des Stettiner Freihafens und die Enthüllung des Manzel-Brunnens

Zweifellos zählte der 23. September 1898 zu den bedeutenden Daten in der Stadtgeschichte der pommerschen Landeshauptstadt, als Kaiser Wilhelm II. in Anwesenheit von viel Prominenz die neuen Stettiner Hafenanlagen einweihte, mit deren Bau man mehr als vier Jahre zuvor begonnen hatte. Mit der feierlichen Eröffnung war der Wunsch verbunden, den Hafenplatz Stettin gegenüber anderen Ostseehäfen aufzuwerten bzw. konkurrenzfähig zu machen, zumal die bis 1898 vorhandenen Kais dringend der Erweiterung und Modernisierung bedurften. Mit Vollendung des Kaiser-Wilhelm-Kanals, dem bevorstehenden Ausbau des Elbe-Trave-Kanals sowie der Errichtung von Freibezirken in Hamburg und Kopenhagen drohten die maritimen Verkehrsströme sich zu Ungunsten Stettins zu verschieben. Um eine derartig bedrohliche Entwicklung zu verhindern, erarbeitete man in Stettin ein Konzept, das die Errichtung eines Freibezirkes mit vollständig neuen Hafenanlagen auf dem östlichen Oderufer zwischen Lastadie und altem Breslauer Bahnhof vorsah. Als Investitionskosten für das Großprojekt veranschlagte man 30,6 Millionen Mark.

Seit altersher hatten die Oder und der Hafen für Stettin entscheidende Bedeutung. Zu den Privilegien und Schenkungen, mit denen bereits 1307 Herzog Otto I. (1295-1344) Stettin entgegenkam, zählte auch die Verfügungsgewalt über das Stromgebiet der Oder bis zur Abzweigung der Swante bzw. der Großen Reglitz zwischen Podejuch und dem Dammschen See. Als die Nachfolger Ottos I. die gewährten Privilegien für obsolet erklärten, kam es zum Prozess vor dem Kaiserlichen Kammergericht, ohne dass in der Sache über Jahrzehnte letztlich entschieden wurde. Erst 1612 kam es in dem Konflikt zwischen dem bedeutenden Pommernherzog Philipp II. und der Stadt zu einem Vergleich, bei dem der Stadt das Eigentums- und Nutzungsrecht über die Wasserläufe zugesprochen wurde, während beim Landesherrn die Ausübung hoheitlicher Rechte verblieb. Nachdem Stettin 1720 preußisch „geworden war“, widerrief Preußen einseitig das 1612 ergangene Urteil. Erneut rief Stettin die Gerichte an. So blieb es letztlich 1898 dem Königlichen Ober-Tribunal vorbehalten, die alte Streitfrage bezüglich der Nutzungs- und Eigentumsrechte auf den Wasserläufen zu Gunsten der Stadt zu entscheiden. Trotz der verständlichen Freude bei Magistrat und Kaufmannschaft über eine solche Entscheidung darf andererseits nicht übersehen werden, dass die Stadt damit nicht nur Rechte, sondern zugleich auch finanzielle Risiken einging. Fortan hatte sie beispielsweise auf eigene Kosten ausreichend Stapelraum und Löschkapazität bereitzustellen, deren Kosten nur unzureichend durch die von der Stadt erhobenen Liege- und Löschgebühren bzw. sogenannten Bollwerksgelder gedeckt wurden. Abgesehen von nur wenigen, nicht sehr tief gehenden Stichkanälen, besaß Stettin damals kein künstlich angelegtes Hafenbecken. Vor der Einweihung des Stettiner Freihafens zählte man 6349 m öffentliche und 1343 m private Bollwerke, deren Nutzung weitgehend den Eigentümern vorbehalten blieb. Nicht eingerechnet sind weitere 1180 m Kaianlagen im Besitz der Berlin-Stettiner Eisenbahnverwaltung, die zwischen 1864 bis 1868 erbaut wurden, um die Umschlagszeiten Bahn/Schiff oder umgekehrt zu verbessern und weitere 239 m für die Königliche Wasserbauverwaltung beim Packhof und Salzmagazin. Wollte man konkurrenzfähig bleiben, so mussten die insgesamt 9111 m Kailänge deutlich erweitert werden.

Mit dem Fall der Festungswerke 1872 ergaben sich neue innovative städtebauliche Veränderungen. Der Durchstich der Schlächterwiese 1878 ermöglichte den Bau der Dunzig-Hafenanlage. Gleichzeitig verhinderte er, dass die Stettin anlaufenden Schiffe bis zu fünf Klapp- oder Drehbrücken passieren mussten, ehe sie Waren löschen oder laden konnten. Das sowohl von der Stadt und den beiden Eisenbahngesellschaften (Berlin-Stettiner und Breslau-Schweidnitz-Freiburger Bahn) finanzierte Bauvorhaben verschaffte dem Seeverkehr erhebliche Zeitgewinne und verbesserten Service. Dass sich derartige Vorteile an der Küste schnell herumsprachen, der Hafenplatz Stettin sich wachsender Akzeptanz erfreute, versteht sich von selbst. Dennoch war man mit dem Erreichten noch längst nicht zufrieden. Wachsender Warenverkehr über See führte bereits 1885 zu einer erneuten Eingabe der Kaufmannschaft an den Stettiner Magistrat, die Konkurrenzfähigkeit Stettins durch weitere bauliche Investitionen sicherzustellen. Als Gelände für den Hafenausbau wurden die zwischen der Lastadie und dem einstigen Breslauer Bahnhof gelegenen Möllwiesen vorgesehen, die zum größten Teil der Stadt gehörten, sodass langwierige Kaufverhandlungen nicht zu erwarten waren. 1889 erhielt die Firma Havestadt und Contag den Auftrag, bis zum Frühjahr 1890 einen Entwurf der neuen Hafenanlagen auszuarbeiten. Obwohl der Plan zeitgerecht zur Begutachtung vorgelegt wurde, genügte er der Hafenkommission hinsichtlich Anordnung und Ausrüstung der Hafenbecken nicht. Um nicht weitere kostbare Zeit zu verlieren, beauftragte man Stadtbaurat Friedrich Krause mit der Ausarbeitung eines zweiten Entwurfs. Dass sein Konzept einschließlich Kostenvoranschlag schon am 8. Oktober 1892 vorgelegt werden konnte, war vorrangig dem Engagement und Weitblick Krauses zu verdanken. Ungewöhnlich war auch, dass ein derartig kostenaufwendiges Bauvorhaben ohne spürbare Korrekturen die Bewilligungs- bzw. Zustimmungsgremien passierte, sodass bereits am 6. Februar 1894 der erste Spatenstich erfolgen konnte.

Wasserseitig empfahl Krause den Bau eines 1200 m langen Stichkanals, der am Dunzig beginnen und in einer Breite von 100 m parallel zum Breslauer Bahnhof verlaufen sollte. Außerdem sah der Entwurf einen zweiten Hafenkanal von knapp 1000 m Länge und 100 m Breite vor, der im Winkel von 30° vom ersten Hafenbecken abzweigen sollte. Der besseren Manövrierfähigkeit der Seeschiffe diente ein in der Abzweigung des zweiten Hafenkanals gelegener Wendeplatz mit circa 230 m Durchmesser. Insgesamt umfasste die Großbaustelle eine Fläche von rund 60 ha, von denen 37,5 ha Land-, 22,5 ha Wasserflächen betrafen, deren Mindestwassertiefe 7 m nicht unterschreiten durfte. Dank der Überlegungen Krauses gewann man mit den neuen Hafenanlagen 4115 m Kailänge hinzu, sodass nach deren Fertigstellung in Stettin bis zu 60 Seeschiffe gleichzeitig gelöscht oder beladen werden konnten. Da tragfähiger Baugrund im neuen Hafenbereich aber erst bei 8 bis 9 m unter Mittelwasser zu finden war, mussten aufwendige Gründungen für die massiven Kaimauern bzw. Aufbauten vorgenommen werden, die weitgehend – trotz kriegsbedingter Zerstörungen – bis heute in Funktion sind. Im Abstand von 11.85 m zur Wasserkante wurden auf den Kais eingeschossige Warenschuppen von 182 m Länge und 30 m Raumtiefe errichtet, die addiert eine nutzbare Grundfläche von 5460 qm auswiesen. Hinter diesen erstreckten sich landseitig vierstöckige Speicherhäuser von gleicher Länge wie die Schuppen, deren Raumtiefe jedoch auf 20 m beschränkt blieb. Auf der Rückseite der optisch einprägsamen Speicher waren Eisenbahngeleise verlegt, die den Umschlag vom Schiff auf die Bahn oder umgekehrt erheblich vereinfachten bzw. beschleunigten.

Der Seehandelsplatz Stettin konnte dank der nach modernsten Erfordernissen neu gestalteten Hafenanlagen seinen Vorsprung gegenüber anderen Ostseehäfen ausbauen.

Neben der glanzvollen Eröffnung des neuen Freihafens feierte Stettin am 23. September 1898 auch in Anwesenheit des Kaiserpaares die Enthüllung des von Professor Ludwig Manzel (* 3. Juni 1858 Kagendorf/Kreis Anklam, † 24. November 1936 Berlin) geschaffenen Monumentalbrunnens unweit des Stettiner Rathauses. Der Gelehrte und bedeutendste Chronist Stettins, Martin Wehrman, hat den sogenannten Manzel-Brunnen in seiner Geschichte der Stadt Stettin „gewissermaßen als Symbol der aufstrebenden Stadt“ (S. 501) verstanden. Manzel hatte sich mit seinem Brunnenmodell zuvor gegen mehr als 70 Bewerber durchsetzen müssen. Für das 1896 erstmalig auf der Großen Berliner Kunstausstellung gezeigte, wesentlich kleinere Modell erhielt Manzel die Große Goldene Medaille und den Ehrenpreis der Stadt Berlin zuerkannt. Manzel wurde schnell jedem Stettiner zum Begriff. Das eindrucksvolle Ensemble verkörpert symbolträchtig Handel und Schiffahrt. Die bestimmende bzw. das Ganze überragende Figur ist die Sedina, die Rechte abgestützt auf einem massigen Anker, mit der Linken das leicht gereffte Segel tragend. Kaum minder eindrucksvoll wirkt die im Vorderteil eines Schiffes sitzende, nach voraus orientierte Merkurgestalt sowie die beiden Seitenfiguren. Auch wenn der Manzelbrunnen heute nicht mehr vorhanden ist, eine verkleinerte Sedina in der Stiftung Pommern Krieg und Zerstörung Stettins überlebt hat, bleibt die Erinnerung an ein großartiges Denkmal.

Lit.: Martin Wehrmann: Geschichte der Stadt Stettin, Stettin 1911. – Ernst Völker: Stettin – Daten und Bilder zur Stadtgeschichte, Leer 1986. – Ernst Oldenburg: Hafen-, Handels- und Industriestadt Stettin in Pommern – Deutschlands wirtschaftlicher Brückenkopf im Osten, Gotha 1938. – Walter Schröder: Ludwig Manzel. Der pommersche Bildhauer, in: Das Bollwerk, Stettin, August 1930, S. 264-269. – Die neuen Hafenanlagen in Stettin, in: Centralblatt der Bauverwaltung 18 (1898), Nr. 39, S. 471. – P.I. van Nießen: Der neue Freihafen zu Stettin, in: Über Land und Meer, 1898, S. 383-386. – Friedrich Krause: Neue Hafenanlagen in Stettin, in: Zeitschrift für Bauwesen 49 (1899), S. 58-78. – Ausstellungskatalog: Das geistige Pommern – Große Deutsche aus Pommerns, Stettin 1939.

Gottfried Loeck