Ereignis vom 20. März 1921

Abstimmung in Oberschlesien

Abstimmung in Oberschlesien 1921

Am 7. Mai 1919 überreichten die alliierten Siegermächte des Ersten Weltkrieges in Versailles der deutschen Delegation den Entwurf des Friedensvertrages, in dem die Abtretung fast ganz Preußisch-Oberschlesiens an das wiedererstandene Polen gefordert wurde.

Oberschlesien war seit dem Kulturkampf eine Bastion der Zentrumspartei gewesen, die mit dem Band des Katholizismus manche soziale und dann auch nationale Probleme entschärfen konnte. Das änderte sich kurz nach der Jahrhundertwende, die Polen stellten bei der Reichs­tagswahl 1903 erstmals in dieser Region eigene Kandidaten auf und konnten mit Wojciech Korfanty einen Abgeordneten nach Berlin entsenden. Vier Jahre danach fielen fünf von zwölf oberschlesischen Reichstags­wahlkreisen an Polen, 1912 schließlich vier. (11 Prozent der Stim­men) Bei der Volkszählung im Jahre 1910 hatte fast die Hälfte der Oberschlesier polnisch als Muttersprache genannt. Hierbei handelte es sich aber in den allermeisten Fällen um den Ge­brauch des „Wasserpolnischen“; auch konnte das Verwen­den dieser oder jener Sprache in Oberschlesien nicht unbedingt als Bekenntnis zum betreffenden Volk gewertet werden.

Die alliierte Forderung nach Abtretung Oberschlesiens war ganz im Sinne der polnischen Be­strebungen, dem wiederer­standenen Staat ein möglichst großes Territorium zu verschaf­fen und entsprach dem französischen Wunsch nach Schwä­chung Deutschlands durch Verlust des ober­schlesischen Indu­striereviers. In Oberschlesien und in anderen Teilen Deutsch­lands kam es aber zu Großkundgebungen gegen diese Forde­rung, so bereits am 10. Mai in Oppeln mit etwa 15000 Teil­nehmern. Als Folge der Proteste, der deutschen diplomatischen Aktivitäten, die sich auf das von den Siegermächten prokla­mierte Selbstbestimmungsrecht der Völker stützen konnten, und von verständnisvoller britischer Haltung ordneten die Alli­ierten schließlich eine Volksabstimmung in dem umstrittenen Gebiet an, von der die eindeutig völlig deutschen Kreise Grott­kau, Neisse und Falkenberg sowie ein Teil des Kreises Neu­stadt ausgenommen wurden. Versagt wurde das Recht der freien Entscheidung über ihre Zukunft den Bewohnern des Hult­schiner Ländchens, das der jungen Tschechoslowakei zu­fiel.

Der Abstimmungskampf wurde mit harten Bandagen ausgetra­gen. Mitte August 1919 brach der erste Polenaufstand, durch polnische Truppen unterstützt, aus, konnte jedoch nach einer Woche von der Reichswehr und deutschen Freiwilligen nie­dergeschlagen werden. Eine we­sentliche Stärkung der für ein Verbleiben bei Deutschland eintretenden Oberschlesier bedeu­tete das am 14. Oktober 1919 von der Preußischen Landesver­sammlung angenommene „Gesetz betr. die Provinz Ober­schlesien“, mit dem Oberschlesien – in Übereinstimmung mit der von der Katholischen Volkspartei (Zentrum) und dann auch von den Sozialdemokraten und den Deut­schen Demokra­ten erhobenen Forderung – die Erhebung zur Provinz zugesagt wurde. Mitte Januar 1920 mußte die Reichswehr das Abstim­mungsgebiet räumen, das bald darauf von 15000 Soldaten, primär aus Frankreich, aber auch aus Italien und zeitweise aus Großbritanni­en, besetzt wurde. Am 11. Februar übernahm die Interalliierte Regierungs- und Plebiszitkom­mission die Regie­rungsgewalt, dies hätte an sich eine vernünftige Maßnahme zur Sicherung der Frei­heit bei der Vorbereitung und Durchführung der Abstimmung sein können. Ihr Vorsitzender, der französi­sche General Le Rond, wahrte aber nicht die gebotene Neu­tralität, sondern begünstigte in Übereinstimmung mit seiner Regierung polnische Aktivitäten und behinderte deutsche. Der kommissarische deutsche Oberpräsident Joseph Bitta mußte die Provinz verlas­sen, und Adolf Kardinal Bertram durfte sie nicht mehr betreten.

In dem die Leidenschaften aufwühlenden und Bruder vom Bruder trennenden Abstimmungs­kampf liefen die Fäden der polnischen Seite bei deren Plebiszitkommissar Korfanty zu­sammen, einem einfallsreichen, talentierten, Land und Leute als gebürtiger Laurahütter kennenden Mann, der radikal und erfolgreich agitierte. Er konnte mit Recht auf die von der preußischen Verwaltung begangenen Fehler und Ungeschick­lichkeiten hinweisen, z.B. auf die Besetzung vieler Führungss­stellen mit aus anderen Teilen Deutschlands herbeigeholten Beamten, die evangelisch waren, und auf vor allem in der Zeit des Bismarckschen Kulturkampfes gegen Ka­tholiken (über 90 % der Oberschlesier gehörten dem römisch-katholischen Be­kenntnis an) und Polnischsprechende gerichtete Maßnahmen. Obwohl die Gleichsetzung „arm, katholisch und polnisch“ ge­genüber „reich, evangelisch und deutsch“ nicht zutraf, erwies sie sich ebenso als werbewirksam wie das Versprechen einer Kuh („Korfanty-Kuh“) an die für Polen Abstimmen­den. Auch der Gedanke, daß es materiell wohl vorteilhafter sei, an den von Frankreich gehät­schelten jungen polnischen Staat ange­schlossen zu werden und so den als Folge des verlorenen Krie­ges auf Deutschland zukommenden wirtschaftlichen Belastun­gen (Reparationen) zu entge­hen, entfaltete seine Wirkung.

Auf deutscher Seite gab es eine Vielzahl von Institutionen, Gruppierungen und Personen, die aktiv wurden. An der Spitze des deutschen Plebiszitkommissariats stand der zu Beginn sei­ner Tätigkeit kaum bekannte Dr. Kurt Urbanek. Als Staats­kommissar für die öffentliche Ordnung in Schlesien wirkte der Rheinländer Dr. Carl Spiecker; die „Vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier“ waren „Eigenwuchs aus ober­schlesischer Wurzel, leicht beträufelt aus dem Geldbeutel der Industrie“ (Urbanek) und verfügten allein in Oberschlesien über 1000 örtliche Gruppen. Der Zusammenführung der deut­schen Kräfte diente die Gründung des aus Parteien, Gewerk­schaften und Verbänden gebildeten „Schlesischen Ausschus­ses“, den der bisherige Landrat von Rybnik, Dr. Hans Luka­schek, leitete – ein bewährter junger Mann der Verwaltung, geschickt bei der Pflege menschlicher Kontakte und als Katho­lik und Sproß einer oberschlesi­schen Familie gute Vorausset­zungen zur Erfüllung seiner Aufgabe mitbringend. Lukaschek wurde der eigentliche Kontrahent Korfantys, eine Art Gene­ralstäbler, der Chef der deutschen Propaganda. Seiner Art gemäß und weil er im sozialen Bereich Korfantys Verspre­chungen oh­nehin nicht übertreffen konnte, führte er die Aus­einandersetzungen mehr auf ideell-geistiger Ebene und ver­suchte der Bevölkerung zu verdeutlichen, daß Oberschlesien seit etwa 600 Jah­ren keine Bindung mehr zu Polen besessen habe und kulturell nach dem Westen ausgerichtet sei. Die Pfle­ge heimatlichen Kulturgutes, die Förderung deutscher Kultur­veranstaltungen, die Einrichtung der Schönwälder Stickstube und die Unterstützung deutscher Zeitungen trugen Früchte. Das vom Lehrer Karl Sczodrok herausgegebene Kampfblatt „Der Schwarze Adler“ stand gegen die polnische Wochen­schrift „Der Weiße Adler“ und erreichte eine Auflage von 300.000 Exemplaren.

Bedauerlicherweise kam es im Verlaufe des Abstimmungs­kampfes oft zu Ausschreitungen. Beide Seiten, besonders je­doch die polnische, trugen Schuld daran. Im Anschluß an eine in Kattowitz durchgeführte Kundgebung gegen den sowjetisch-polnischen Krieg plünderten Deutsche am 17. August 1920 das polnische Plebiszitkommissariat und ermordeten einen pol­ni­schen Arzt, woraufhin Korfanty den zweiten Polenaufstand entfesselte, dem über 100 getöte­te Deutsche, aber auch Polen zum Opfer fielen. Das von deutschen Evangelischen bewohnte Dorf Anhalt im Kreis Pleß wurde planmäßig niedergebrannt. Auch nach der Beilegung der Kämpfe blieben Überfälle, Atten­tate, Raub und Mißhandlungen auf der Tagesordnung. So wurde der von Korfanty auf die deutsche Seite übergewechsel­te und als Herausgeber der Zei­tung „Wola Ludu“ („Wille des Volkes“) diesem gefährlich gewordene Teofil Kupka im No­vember 1920 ermordet.

Wegen der sehr starken Religiosität eines großen Teiles der katholischen Bevölkerung des Abstimmungsgebietes hing viel von dem Verhalten der Geistlichkeit ab. Unter Führung des Pfarrers Carl Ulitzka aus Ratibor, der den Vorsitz der Katholi­schen Volkspartei (Zentrum) in Oberschlesien innehatte, ent­schieden sich die meisten Kleriker für Deutschland, während etwa zwei Dutzend – allerdings vielfach politisch sehr aktive – den Anschluß an Polen bevorzugten. Angesichts der vor allem auf dem flachen Lande bestehenden Rechtsunsicherheit erwog man deutscherseits noch wenige Tage vor der Volksabstim­mung, zur Nichtbeteiligung aufzurufen. Die Abstimmung am 20. März 1921 vollzog sich dann doch ohne viel Ausschreitun­gen. Teil­nahmeberechtigt waren: 1. im Abstimmungsgebiet Gebo­rene; 2. ebendort Geborene, aber nicht Wohnhafte; 3. ebenda nicht Geborene, aber dort vor dem 1. Januar 1904 an­sässige Bewohner; 4. vor 1920 von deutschen Behörden Aus­gewiesene. Viele Abstimmende kamen aus anderen Teilen Deutschlands, so aus dem rheinisch-westfälischen Industrie­gebiet, in ihre Heimat gefah­ren.

Bei der Abstimmung votierten 707.554 Männer und Frauen für Deutschland (59,6 %) und 478.820 für Polen (40,3 %). Die Wahlanalyse ergab, daß alle Städte, mit Ausnahme eines sehr kleinen Ortes, deutsche Mehrheiten aufwiesen. Beamte und Angestellte, die große Mehrzahl der Städter und die Hüttenar­beiter wollten bei Deutschland bleiben, während viele Bergar­beiter und Dorfbewohner für Polen eingetreten waren.

Im Gegensatz zur deutschen Auffassung, daß man das Ab­stimmungsgebiet als Ganzes behan­deln und daher beim Reich belassen müsse, betrieben Polen und Franzosen die Teilung des Gebietes. Um vollendete Tatsachen zu schaffen, begannen am 3. Mai, dem polnischen National­feiertag, nach längerer Vorbe­reitung die polnischen Insurgenten den 3. Aufstand, der von War­schau kräftig unterstützt wurde und zuerst erfolgreich ver­lief, dann aber am Widerstand der deutschen Freiwilligenver­bände („Selbstschutz“) scheiterte, der am 21. Mai das Wahr­zeichen Oberschlesiens, den Annaberg, erstürmte.

Der aufgrund einer Empfehlung einer Kommission des Völ­kerbundrates im Oktober 1921 ge­fällte Genfer Schiedsspruch bedeutete die Teilung Preußisch-Oberschlesiens, bei der Polen er­heblich begünstigt wurde. Es erhielt 3213 qkm (33 %) des Gebietes mit 893.000 Einwohnern (42 %), über 90 % der Steinkohlenvorräte und 85 % der Zink- und Bleierzgruben. In Deutschland empfand man die Teilung als ungerecht, und sie wirkte kontraproduktiv bei Fragen einer deutsch-polnischen Verständigung und Zusammenarbeit.

Abstimmung und Gebietsteilung prägten sich tief in das Be­wußtsein der Oberschlesier ein und waren für die deutschen Oberschlesier die entscheidenden Ereignisse dieses Jahrhun­derts bis zur Katastrophe des deutschen Ostens im Jahre 1945. Einen Vorteil brachte die Abstimmungs­zeit dem „Land unter dem Kreuz“: Für ganz Deutschland trat damals das so lange nicht beach­tete und übersehene Gebiet nachhaltig ins Blickfeld und erfuhr Verständnis.

Lit.: Sigmund Karski: Albert (Wojciech) Korfanty, Dülmen 1990. – Helmut Neubach: Die Abstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921, in: Richard Breyer (Hg.): Deutschland und das Recht auf Selbstbestimmung nach dem Ersten Weltkrieg, Bonn 1985, S. 92-129. – Marian Orzechowski: Wojciech Korfanty, Wroc³aw 1975. – Otto Ulitz: Oberschlesien, 3. Aufl., 1973. – Kurt Urbanek: Plebiszitkom­mis­sar in Oberschlesien, in: Herbert Hupka (Hg.): Leben in Schle­sien, 2. Aufl., München 1964, S. 29-42.

Bild: Abstimmung in Oberschlesien 1921:
gelbgrün = Kreis mit Stimmenmehrheit für Polen
orange = Kreis mit Stimmenmehrheit für Deutschland
grün = Polen einschließlich von Deutschland ohne Volksabstimmung erhaltenem Gebiet
lila = Tschechoslowakei einschließlich von Deutschland erhaltenem Gebiet
durchgezogene Linien = oberschlesische Kreise 1918
gepunktete Linien = niederschlesische Kreise

Quelle: Von Ulamm – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12532574

Hans-Ludwig Abmeier