Biographie

Ziekursch, Johannes

Herkunft: Schlesien (Ober- u. Niederschlesien)
Beruf: Historiker
* 17. Juli 1876 in Breslau
† 8. Mai 1945 in Köln (?)

Johannes Ziekursch wurde als Sohn eines Breslauer Kaufmanns geboren und verlebte seine Jugend- und Schulzeit in seiner Vaterstadt. Nach dem Abitur zu Ostern 1896 bezog er im Sommersemester desselben Jahres die Universität Bonn, wechselte dann nach Breslau, wo er auch seinen einjährig-freiwilligen Militärdienst ableistete, und von da nach München. Dort wurde er Ende 1900 mit einer von Karl Theodor von Heigel angeregten Arbeit überDie Kaiserwahl Karls VI. (1711), erschienen in Gotha 1902, zum Dr. phil. promoviert. Nach Archivstudien in Rom, Dresden und Breslau habilitierte sich Ziekursch im Frühjahr 1904 in Breslau mit der SchriftSachsen und Preußen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Geschichte des Österreichischen Erbfolgekrieges (Breslau 1904) für mittlere und neuere Geschichte. Seit dem Sommersemester desselben Jahres wirkte er an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität als Privatdozent.

In den folgenden Jahren hat sich Ziekursch intensiv mit der Schlesischen Geschichte, namentlich der Verwaltungs-, Stadt- und Agrargeschichte zwischen 1740 und 1850 beschäftigt. Der Ertrag davon schlug sich insbesondere in drei bedeutsamen Studien nieder: Beiträge zur Charakteristik der preußischen Verwaltungsbeamten in Schlesien bis zum Untergang des friderizianischen Staates (Breslau 1907), Das Ergebnis der friderizianischen Städteverwaltung und die Städteordnung Steins. Am Beispiel der schlesischen Städte dargestellt (Jena 1908) und Hundert Jahre schlesischer Agrargeschichte vom Hubertusburger Frieden bis zum Abschluß der Bauernbefreiung (Breslau 1915). Die zuletzt genannte Arbeit gilt als die bedeutendste Forscherleistung des Gelehrten. Die 443 Seiten starke Schrift beruht auf eingehenden Einzelstudien, die nirgends bei der Gesetzgebung stehenbleiben, sondern zu der Vielfalt des ländlichen Lebens in Preußisch-Schlesien vordringen. Die amtliche Statistik konnte Ziekursch in vielem korrigieren.

Die genannten drei Bücher, für die der Verfasser vor allem aus den Beständen des Breslauer Staatsarchivs geschöpft hatte, ließen Idee und Wirklichkeit des friderizianischen Preußen weit auseinanderklaffen, was bei der mit der Erforschung der Preußischen Geschichte beschäftigten Fachhistorie Widerspruch hervorrief, wobei die Agrargeschichte noch am ehesten Anerkennung fand. Man wandte etwa ein, daß Ziekursch seine schlesischen Ergebnisse zu Unrecht verallgemeinere. Hinsichtlich der Friederizianischen Städteverwaltung äußerte Otto Hintze den Eindruck, der Autor neige zur Karikatur, und warf ihm vor, daß er in der von ihm geübten "Kleinmalerei" die harten politischen Notwendigkeiten des um die Behauptung im Mächtesystem ringenden Preußen zu wenig berücksichtigt habe.

Es mag mit dieser Außenseiterposition in der Preußenfrage, die noch so viel mit der staatlichen Wirklichkeit Deutschlands zu tun hatte, zusammenhängen, daß Ziekursch, der im übrigen politisch als linksliberal galt, im Ersten Weltkrieg trotz bemerkenswerter Lehrerfolge und gehaltvoller Veröffentlichungen noch immer Extraordinarius war. Dabei zeigte er während des Krieges eine ausgesprochen patriotische Haltung. Im Frühjahr 1917 verlieh ihm das Kultusministerium ein sogenanntes persönliches Ordinariat, das mit gegenüber bisher unveränderten Dienstbezügen verbunden war.

Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und das Ende er Monarchie erschütterten Ziekursch so sehr, daß er sich in der Folgezeit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte des Bismarckreiches widmete. Politisch wandelte er sich vom liberalen Monarchisten zum Republikaner und trat der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei. Die Frucht seines Ringens mit der jüngsten deutschen Geschichte war sein dreibändiges Hauptwerk Politische Geschichte des Neuen Deutschen Kaiserreiches (Bd. I: Die Reichsgründung, Bd. II: Das Zeitalter Bismarcks, Bd. III: Das Zeitalter Wilhelms II.), erschienen in Frankfurt a.M. (Societätsverlag) zwischen 1925 und 1930. Namentlich im ersten Bande bewährte der Verfasser seinen durchaus fruchtbaren Blick für die Kehrseite der preußischen Medaille und gewann damit den innenpolitischen Grundlagen der Reichsgründung (etwa mit Hilfe von Wahlstatistiken) manche neue Einsicht ab. Er legte seinen Ausführungen aber die irrige These zugrunde, daß Bismarck das Reich im Widerspruch zu den Kräften der Zeit gegründet habe und daher das Scheitern seines Werkes in diesem selbst angelegt gewesen sei. Ziekursch überschätzte damit die Stärke des deutschen Liberalismus sowie dessen Modernität und übersah, daß er nach dem Maße seiner Kräfte durchaus in das neue Reich Eingang gefunden hatte, wobei dieses auch im übrigen in nicht wenigen Zügen auf der Höhe der Zeit stand. Ziekursch meinte, daß "die Dinge ganz anders hätten verlaufen können" und gelangte damit zu einer politisch-unhistorischen Betrachtungsweise. "Wir sind in der Historie leider nicht in der Lage, Experimente zu machen", bemerkte Fritz Hartung treffend, "die Lage vom September 1862 wieder herzustellen und zu prüfen, wie sich die preußich-deutsche Entwicklung gestaltet haben würde, wenn nicht Bismarck gekommen wäre, sondern der König abgedankt hätte."

Ziekursch hatte einen neuralgischen Punkt der überwiegend deutschnationalen Historikerzunft berührt: Gerade vor dem Hintergrund der Katastrophe des Novembers 1918 wollte und konnte man am Werk Bismarcks nicht rühren lassen (ob nun die vorgebrachten Argumente schlagend waren oder nicht). Deshalb stießen Ziekurschs für ein breiteres Publikum bestimmte Bände sowohl seitens der Zunft als auch der öffentlichen Meinung auf starke Ablehnung. Dadurch sah sich der Autor, immer noch ohne Lehrstuhl in Breslau, auch in seiner akademischen Karriere behindert. Endlich wurde er im Herbst 1927 als Ordinarius nach Köln berufen (obwohl er nicht der Kandidat der dortigen Fakultät war, so wie ihn die in Berlin und zuvor die in Halle abgelehnt hatte). Er verdankte seinen Lehrstuhl dem Kultusministerium und dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Universität, dem Kölner Oberbürgermeister Adenauer, die mit ihm in der Fakultät ein wissenschaftliches und ein politisches Gegengewicht zu dem konservativen Historiker Martin Spahn (über diesen siehe S. 140-142) installieren wollten.

In Köln verbrachte Ziekursch den letzten Abschnitt seines gelehrten Lebens, das freilich bald durch die Nationalsozialisten überschattet wurde, die ihn aber immerhin im Lehramt beließen. Schriftstellerisch trat er kaum noch hervor, nachdem der dritte Band seiner Politischen Geschichte des Neuen Deutschen Kaiserreiches nach 1933 nicht mehr hatte ausgeliefert werden dürfen. In seinen letzten Lebensjahren hat er noch, wohl in Anknüpfung an seine früheren Arbeiten, an einem Manuskript über Friedrich den Großen gearbeitet, das zu seinem Schmerz mit seiner gesamten Habe als Folge eines Luftangriffs auf Köln im Frühjahr 1944 zugrundeging. Krank und früh gealtert, hat Ziekursch das Kriegsende nicht überlebt. Wie Peter Rassow, sein Kollege in Köln, 1950 in einem Nachruf in der Historischen Zeitschrift schrieb, hatte er bis 1943 seine Lehrtätigkeit unbeirrt fortgesetzt, "auch nach 1933 lehrend , was er von je gelehrt hatte." Er sei "ein klarer Charakter, als Mensch wie als Gelehrter", gewesen, "nicht schillernd oder schielend, sondern eindeutig und feststehend auf dem Boden der Überzeugung, die er sich selbst erarbeitet hatte."

Weitere Werke: Ludendorffs Kriegserinnerungen; in: Historische Zeitschrift 121 (1920), S 441-465. – Falkenhayn und Ludendorff in den Jahren 1914-1916; in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte 34 (1922), S. 49-77. – Zur Geschichte des Feldzuges in der Champagne von 1792; ebenda 47 (1935), S. 20-77.

Lit.: Hans Schleier: Die bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung der Weimarer Republik, (Ost-)Berlin 1975, S. 399-451. – Karl-Georg Faber: Johannes Ziekursch; in: Deutsche Historiker, hrsg. von Hans-Ulrich Wehler, Bd. III, Göttingen 1972, S. 109-123.

Bild: nach Hans Schleier (s.o.).

 

  Peter Mast