Biographie

Unverricht, Hubert

Herkunft: Schlesien (Ober- u. Niederschlesien)
Beruf: Musikwissenschaftler
* 4. Juli 1927 in Liegnitz/Schlesien
† 14. August 2017

Hubert Unverricht wurde als zweiter Sohn des Kaufmanns Herbert Unverricht und seiner Frau Hedwig geb. Hampel am 4. Juli 1927 in Liegnitz geboren. Zunächst besuchte er dort die katholische Volksschule (Ritterschule) und ab 1938 die Staatliche Oberschule für Jungen (das sog. Johanneum). Gegen Ende des Krieges blieb ihm durch glückliche Fügung der Einsatz als Flakhelfer oder Soldat erspart. Nach der Vertreibung am 23. Juli 1946 und kurzem Aufenthalt im Lager Kleinwelka bei Bautzen besuchte er die Prima der Oberschule zu Großenhain und legte hier bereits im Juni 1947 das Abitur ab. Unmittelbar darauf folgte bis 1951 an der Humboldt-Universität Berlin das Studium der Musikwissenschaft mit dem Doppelhauptfach Musikgeschichte, Systematische Musikwissenschaft und Musikethnologie, der Germanistik und der Philosophie. 1952 wechselte er an die Freie Universität Berlin, wo er sein Studium (Doppelhauptfach Musikwissenschaft und Nebenfach Germanistik) mit der DissertationHörbare Vorbilder in der Instrumentalmusik bis 1750). Untersuchungen der Vorgeschichte der Programmmusik und am 10.12.1953 mit dem Doktorexamen abschloss.

Eine musikpraktische Ausbildung erfuhr Hubert Unverricht seit frühester Jugend. Mit 12 Jahren spielte er Geige im Schulorchester der Staatlichen Oberschule für Jungen und in der Spielschar, einer Liegnitzer Vereinigung, in der musikalische Mädchen und Jungen aus den nicht nationalsozialistisch eingestellten Familien sich trafen. Direkt nach Kriegsende spielte er in polnischen Restaurants als Geiger und wirkte in Liegnitz 1945 bei den ersten Kirchenmusikkonzerten in St. Johannis mit. Entscheidende Impulse in seiner geigerischen Laufbahn empfing er während seines Studiums durch den zweiten Konzertmeister der Berliner Philharmoniker Hans Gieseler.

Nach seiner Promotion war Hubert Unverricht für ein halbes Jahr Notangestellter am Berliner Musikinstrumenten-Museum des Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz und bekam nach kurzer Arbeitslosigkeit eine Anstellung in der Auslandsabteilung der GEMA in Westberlin, die er 13 Monate bis zu seinem beruflichen Wechsel nach Köln innehatte. In dieser Zeit der wirtschaftlichen Konsolidierung heiratete er am 26.5.1955 in Berlin seine Mitabiturientin Renate Richter (* 5.9.1928, Grünberg/Schlesien). Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor: Roswitha (* 2.3.1956, Berlin), Susanne (* 2.4.1957, Köln), Matthias (* 21.1.1960, Köln), Sabine
(* 4.10.1963, Köln), Sebastian (* 13.10.1966, Mainz).

Am 1.3.1956 wurde Hubert Unverricht für 6 1/2 Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter am Joseph Haydn-Institut in Köln, das damals der berühmte Haydn-Forscher Jens Peter Larsen aus Kopenhagen leitete. Neben seiner Herausgebertätigkeit der Londoner Sinfonien, Haydn Werke I/18 (1963), der Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze, Haydn Werke IV/1 (1959) und XXVIII/2 (1961) und der Barytontrios Nr. 25-96, Haydn Werke XIV/2-4 (1958-1964) entstanden auch die beiden musikphilologischen Arbeiten Die Bedeutung der Zeichen Keil, Strich und Punkt bei Mozart (Musikwissenschaftliche Arbeiten 10, Kassel 1957. S. 22-53) und Die Eigenschriften und die Originalausgaben von Werken Beethovens in ihrer Bedeutung für die moderne Textkritik (Musikwissenschaftliche Arbeiten 17, Kassel 1960), die ihn in einer breiten musikwissenschaftlichen Öffentlichkeit auch international bekannt machten. Zum Wintersemester 1962/63 wechselte Hubert Unverricht an die Johannes Gutenberg-Universität in Mainz als Wissenschaftlicher Assistent am Musikwissenschaftlichen Institut. Dort habilitierte er sich 1967 mit der Schrift Geschichte des Streichtrios (Mainzer Studien zur Musikwissenschaft 2, Tutzing 1969) und wurde noch im gleichen Jahr zum beamteten Privatdozenten für das Fach Musikwissenschaft und Musikgeschichte ernannt. An der gleichen Universität folgten im Februar 1971 die Ernennung zum Außerplanmäßigen Professor, kurz darauf im Mai die zum Wissenschaftlichen Rat und Professor (H 2) und 1974 schließlich die Ernennung zum Abteilungsleiter und Professor (H 3). Im Sommersemester 1980 übernahm Hubert Unverricht den neu eingerichteten Lehrstuhl für Musikwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt als C 4-Professor, den er bis zu seiner Pensionierung am 1.10.1990 innehatte. Seine Hauptforschungsgebiete sind die Zeit ab 1600, besonders die Zeit der Klassik und der Frühromantik, die Geschichte der Kammermusik, die regionale Musikgeschichte des Rheinlandes, Bayerns und Schlesiens, sowie Quellenkunde und Editionstechnik und das musikalische Urheberrecht. Während seiner aktiven Dienstzeit arbeitete Hubert Unverricht in den verschiedensten Universitätsgremien mit, anfangs noch in der Fakultät, später im Fachbereichsrat, Senat, in der Universitätsversammlung und in mehreren Ausschüssen.

Hubert Unverricht war 1966 Mitbegründer und anfangs Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft musikwissenschaftlicher Herausgeber und Verleger (später umbenannt in Verwertungsgesellschaft Musikedition) in Kassel, deren Ehrenmitglied er 2000 wurde. Ferner war er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für mittelrheinische Musikgeschichte (1974-1980), Vorstandsmitglied der Stiftung Kulturwerk Schlesien in Würzburg, Mitglied des Gerhard-Möbus-Instituts für Schlesienforschung an der Universität Würzburg und des Joseph Haydn-Instituts in Köln. Seit 2004 ist er Ehrenvorsitzender der Historischen Kommission für Schlesien, Ehrenmitglied der Freunde und Förderer des Kulturwerks Schlesien sowie der Historischen Gesellschaft Liegnitz. Von 1995-2001 war er auch Vizepräsident und Präsident des Heimatwerks Schlesischer Katholiken.

Auf dem Felde seiner wissenschaftlichen Publikationen war Hubert Unverricht ungemein produktiv. Sein Schriftenverzeichnis umfasst 78 Schreibmaschinenseiten und enthält über 800 Titel. Eine Bibliographie der Schriften bis 1990, zusammengestellt von Regina Bauer, findet sich in der FestschriftHubert Unverricht zum 65. Geburtstag, S. 351-372. Seine Veröffentlichungen bis 2005 in der 2. Auflage der MGG, Personenteil, Band 16, 2006, Sp. 1217-1219. Werke, die sich auf die Musik bzw. die Musikgeschichte des Ostens, Schlesiens oder der Stadt Liegnitz beziehen, wurden aufgelistet in: Fünfunddreißig Jahre Forschung über Ostmitteleuropa. Veröffentlichungen der Mitglieder des J. G. Herder-Forschungsrates 1950-1984, Herder-Institut Marburg/Lahn 1985. S. 384-386. Ferner gab er heraus:Musik des Ostens, Band 8, 9, 10 und 11. Kassel/Marburg 1982, 1983, 1986 und 1989 und Liegnitzer Lebensbilder des Stadt- und Landkreises, 4 Bände, Hofheim/Taunus: Henske-Neumann 2001, 2003, 2004 und 2005.

Lit.:Personenartikel „Unverricht, Hubert“ in verschiedenen Musiknachschlagewerken seit dem Riemann Musiklexikon, Ergänzungsband L-Z, Mainz: Schott 1975. – Festschrift Hubert Unverricht zum 65. Geburtstag, hrsg. von Karlheinz Schlager, Tutzing: Schneider 1992 (Eichstätter Abhandlungen zur Musikwissenschaft). – Fünfundzwanzig Jahre VG Musikedition, Verwertungsgesellschaft zur Wahrnehmung von Nutzungsrechten an Editionen (Ausgaben) von Musikwerken, vormals Interessengemeinschaft Musikwissenschaftlicher Herausgeber und Verleger (IMHV), Kassel: Bärenreiter 1993, S. 19-23. – Gundolf Keil, Akademischer Festakt zum 75. Geburtstag von Hubert Unverricht, in: Schlesischer Kulturspiegel 37 (2002), S. 45. – Günter Henle, Weggenosse des Jahrhunderts. Als Diplomat, Industrieller, Politiker und Freund der Musik, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1968. – Gregor Ploch, Heimatwerk Schlesischer Katholiken: Anfänge-Verlauf-Aussichten, Münster i.W. 2006 (Arbeiten zur schlesischen Kirchengeschichte. Hrsg. vom Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte im Auftrag des Kuratoriums des Kardinal-Bertram-Stipendiums 16).

Bild:Atelier Martin Nolde, Mainz, 2007.