Biographie

Breitinger, Hilarius

Herkunft: Zentralpolen (Weichsel-Warthe)
Beruf: Apostolischer Administrator der Deutschen im Reichsgau Warthegau
* 7. Juni 1907 in Glattbach bei Aschaffenburg
† 23. August 1994 in Kloster Maria Eck/Obb.

Am 7. Juni 1907 wurde Pater Hilarius Breitinger geboren. Er kam eher zufällig mit dem Osten in Kontakt, dafür ließen ihn die hier gewonnenen Erfahrungen nicht mehr los. Immer wieder meldete sich die Vergangenheit, die er in exponierter Stellung, als Deutschenseelsorger und später als Apostolischer Administrator, erleben durfte und musste. Auf den Bundestreffen der Landsmannschaft Weichsel-Warthe (LWW) war er regelmäßig als Betreuer der katholischen Deutschen aus Polen tätig.

Auf den bürgerlichen Namen Lorenz Breitinger wurde er am 7.6.1907 in Glattbach bei Aschaffenburg als Sohn des Schreinermeisterehepaares Martin und Barbara Breitinger geboren. Nach seinem Abitur entschied er sich zum Studium der Theologie und trat in den Orden der Franziskaner-Minoriten ein. 1932 wurde er zum Priester geweiht. Die Franziskaner stellten seit Jahren den Seelsorger der deutschen Katholiken in Posen an der dortigen Franziskanerkirche. Seit der Machtübernahme verschärfte sich die Situation und Pater Venatius Kemp wurde 1934 ausgewiesen. Die deutsche Ordensleitung hatte sich in Absprache mit dem Vatikan für Pater Breitinger als Nachfolger entschieden und schickte ihn nach Posen.

Trotz zahlreicher Vorbehalte und Schwierigkeiten seitens des polnischen Klerus konnte P. Breitinger seine Aufgabe zur Zufriedenheit aller erfüllen. Ein wichtiger Aspekt war dabei seine Anpassung, indem er polnisch lernte. Diese Anerkennung in Posen konnte jedoch nicht verhindern, dass auch er auf die Liste der im Kriegsfalle zu internierenden Personen kam. Gleich am 1. September 1939 wurde auch P. Hilarius verhaftet und deportiert. Als Ordensmitglied stand er im besonderen Fokus des Pöbels, der an der Straße stehend die Deportierten schmähte und ihnen Gewalt antat. Ihm galten viele Angriffe, getroffen wurde, wie er vermutete, jedoch statt seiner der großgewachsene Dr. Gustav Klusak (1903-1987), der Vorsitzende der Westpolnischen LandwirtschaftlichenGesellschaft (Welage) in Posen, des Berufsverbandes der deutschen Landwirte und spätere Bundessprecher der Landsmannschaft Weichsel-Warthe (LWW) von 1969-1971. Als eine geistige Stütze und ein guter Helfer in dieser Notzeit erwies sich der bereits greise evangelische Superintendent Dr. Arthur Rhode (1868-1967), der P. Hilarius Mut machte und ihn dank seiner Polnischkenntnisse wortgewaltig verteidigen konnte.

Nach der Befreiung durch die deutsche Wehrmacht begann die Propaganda. Auch P. Breitingers Bericht wurde missbraucht. Die Zahl von etwa 5.800 Verschleppungsopfern wurde durch das NS-Regime auf das zehnfache gefälscht, um den Volkszorn zu schüren und den Angriff auf Polen zu rechtfertigen.

Mit der Propaganda begann auch die Umsetzung der NS-Politik im Warthegau, die sich mit aller Grausamkeit und Brutalität gegen die Polen richtete, aber auch gegen die Kirchen im Allgemeinen. Die Rassentrennung und Entrechtung der Polen wurde für das polnische Volk für die nächsten Jahre zum Alltag – zumeist von den Deutschen kaum wahrgenommen, da man sich auf die eigenen Probleme konzentrierte.

Die katholischen Kirchen im Warthegau wurden vielfach geschlossen; Zugang war für Polen nur in einer einzigen pro Kreis gestattet. Von den 681 Priestern des Erzbistums Gnesen-Posen waren bereits Ende 1941 etwa 450 in Lagern interniert. Sie wurden ins Generalgouvernement ausgewiesen, starben in Arbeitslagern oder wurden Opfer von medizinischen Experimenten im KZ Dachau. Nur noch 14 Priester waren für die deutsche Seelsorge und 32 für die polnische im Einsatz.

Da die Leitung des Erzbistums durch die Flucht Kardinal Hlonds vakant war, und man seitens der Gauleitung Lösungsangebote aus dem Reich ablehnte, traf Papst Pius XII. 1941 die Entscheidung, den Domkapitular Dr. Joseph Paech (1880-1942) zum Apostolischen Administrator für die deutschen Katholiken des Warthegaus zu ernennen. P. Breitinger war seine rechte Hand und leitete die Verhandlungen mit der Gauleitung, die die Kirchen im Reichsgau Wartheland in Vereine umwandeln wollte. Wegen seiner Herzerkrankung trat Dr. Paech bereits 1942 von seiner Funktion zurück und P. Breitinger erhielt am 2.5.1942 die Ernennung zu seinem Nachfolger. Ende 1944 wurde der Untergang des Dritten Reiches durch den Vormarsch der Roten Armee deutlich sichtbar und seine polnischen Freunde rieten ihm, Posen zu verlassen. Nach seiner Flucht kehrte er in seine fränkische Heimat zurück, wo er als Volksmissionar eingesetzt wurde. 1947 wurde er zum Guardian des Franziskanerklosters Würzburg ernannt und leitete seither bis zu seiner Emeritierung verschiedene Ordensfilialen, so seit 1953 das oberbayerische Kloster Maria Eck und seit 1959 das Wiener Antonius-Seminar verbunden mit der Krankenhausseelsorge. 1964 wurde er zum Provinzial der österreichischen Klosterprovinz gewählt. Nach acht Jahren kehrte er dann als Guardian der Grazer Filiale und Stadtpfarrer des Stadtteils Graz-Mariahilf in die Seelsorge zurück. Die Kirchenleitung ernannte ihn zum Konsistorialrat.

1978 kehrte der inzwischen 71-jährige P. Hilarius in seine Wahlheimat, das Kloster Maria Eck in Oberbayern, zurück. Hier betreute er die Wallfahrtseelsorge und die verschiedenen Schwestergemeinschaften, die den väterlichen Senior ebenso schätzten wie seine Ordensbrüder selber. Im Un-Ruhestand in Maria Eck fand P. Hilarius nun auch Zeit, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben.

Anlässlich seines 60. Priesterjubiläums im Jahr 1992 erteilte auch Papst Johannes Paul II. dem Jubilar in „Würdigung seines unermüdlichen pastoralen Dienstes und verdienstvollen Wirkens als Apostolischer Administrator der deutschen Katholiken im Warthegau“ seinen apostolischen Segen.

Im Alter von 87 Jahren verstarb P. Hilarius Breitinger am 23. August 1994 im Kloster Maria Eck – ein gesegnetes Alter für einen Mann, der auf der deutschen Liste für das KZ Dachau und später auf der Todesliste der polnischen Kommunisten stand.

Bild: Privatarchiv des Autors.

Martin Sprungala