Biographie

Brüll, Ignaz

Herkunft: Siebenbürgen
Beruf: Komponist
* 7. November 1846 in Proßnitz/Mähren
† 17. September 1907 in Wien

Ignaz Brüll enstammte einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie aus dem mährischen Proßnitz, die 1850 nach Wien übergesiedelt war. Seine außerordentliche Musikbegabung zeigte sich früh und so erhielt er neben seinem schulischen Unterricht durch Hauslehrer bald eine besondere musikalische Ausbildung bei besten Lehrern. Bereits als 10-Jähriger war er Schüler des berühmtem Pianisten Julius Epstein und bei den gesuchten Theorielehrern Johann Rufinatscha und Otto Dessoff. Beachtung fand sein erstes öffentliches Auftreten als Komponist als 13-Jähriger, als er mit Konzertmeister Joseph Hellmesberger eine Sonate aufführte. Betrachtet man Brülls frühen Werke, so ist zu erkennen, dass er von Anfang an seinen Stil und Ausdruck gefunden hat, der in der Wiener Tradition des lyrischen Teils Schuberts sowie in der Nachfolge von Mendelssohns und Schumanns stand. Er hat diesen Stil in Hinblick auf sein unermüdliches Opernschaffen vielleicht weniger erweitert, als umgeformt mit seiner„Fülle rein melodischer Erfindung, zärtlicher, graziös hinschwebender, heiter verträumter Motive“ (Specht).

Als sein Lehrer Epstein das1. Klavierkonzert F-Dur des 15-Jährigen 1861 aufführte, brachte dies dem jungen Komponisten besondere Aufmerksamkeit, die über Wien hinausging und so wurde bereits 1864 die Serenade op. 29 für Orchester in Stuttgart uraufgeführt. Die Studien beendete er mit 17 Jahren, da er inzwischen auch schon große Erfolge als Pianist errungen hatte, so hatte er mit 15-jährig das Konzert für zwei Klaviere von W.A. Mozart mit Epstein in Wien aufgeführt. Es folgten ausgedehnte Konzertreisen, bei denen er besonders als Interpret von Werken Ludwig van Beethovens und Robert Schumanns Anerkennung fand, aber auch als geschätzter Begleiter berühmter Künstler wie dem bei Pressburg geborenen Geiger Joseph Joachim, der Brünner Geigenvirtuosin Wilhelmine Neruda oder dem Breslauer Sänger Georg Henschel sowie dem berühmten Kammermusiker Arnold Rosé. 1872 wurde er Lehrer an der renommierten Wiener Klavierschule Horak, deren Mitdirektor er 1881 wurde. Nach seiner Heirat mit der Bankierstochter Marie Schosberg reduzierte er im Interesse der Familie seine Konzerttätigkeit, die ihn auch zweimal nach England geführt hatte. Seit den 1890er Jahren ist er fast ausschließlich als Interpret neuer Brahmsscher (Uraufführung der Klavierstücke op. 76, 116 1-3, 117 1-2, 119/2), Goldmarkscher und eigener Werke im Konzertsaal zu hören gewesen. Einen Lehrauftrag am Wiener Konservatorium in den 1890er Jahren lehnte er ab.

Die Uraufführung der zweiaktigen Spieloper Das goldeneKreuz 1875 an der Kgl. Oper Berlin wurde zum durchschlagenden Erfolg des Komponisten und noch Jahre nach dem Ersten Weltkrieg stand die Oper auf den Spielplänen der Opernhäuser der Welt und wurde für eine der „besten deutschen Spielopern“ gehalten (Großer Brockhaus). Leider kam er mit seinen anderen Opern, bis auf Gringoire(1895) kaum mehr über Tageserfolge hinaus. Das„lieblich frische Singspiel in seiner volkstümlichen Heiterkeit und seiner nachdenklich innigen Anmut“ (Specht) entsprach nicht mehr dem Bedürfnis der Zeit. In seinem Nachlass fand sich auch das Fragment einer OperRübezahl. Auf den Konzertprogrammen und Tonträgeraufnahmen berühmter Sänger, wie Leo Slezak und Julius Patzak, fanden sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder Lieder sowie Arien aus seinen Opern.

Seine menschlichen Eigenschaften spiegelten sich in einem großen Freundeskreis wieder, zu dem auch Karl Goldmark, Robert Fuchs, Eusebius Mandyczewski, Eduard Hanslick, Gustav Mahler, Theodor Billroth und viele andere gehörten. In der großen Brahms-Biographie des in Breslau gebürtigen Max Kalbeck ist Brüll, den er als„Brahms-Pianist par Excellence“ bezeichnete, der häufig genannte Freund „Nazi“ des Meisters. Brahms selbst urteilte: „Wie etwas klingt, was ich gemacht habe, weiß ich erst, wenn ich’s von Brüll gehört habe.“ Brüll galt als der gewandteste Prima vista und Partiturspieler Wiens, Eigenschaften, die nicht nur Brahms besonders schätzte, sondern in seinem großen Freundeskreis und darüber hinaus gerne in Anspruch genommen wurden, wie in der Gesellschaft zur Förderung der „Denkmäler der Tonkunst in Österreich“ für deren herausgeberische Tätigkeit.

Brüll schuf ein umfangreiches kompositorisches Werk von annährend 100 Opus-Zahlen. Im Zentrum seines Schaffens stehen zehn Opern. Orchesterwerke sowie konzertante Werke für Klavier und Violine, Kammermusik, ca. 70 Lieder, Chorwerke und zahlreiche Klaviermusik sind zu nennen. Es gibt einige Aspekte in seinem Werk, welche die Brahmsnähe erkennen lassen, Details wie die Tonart seiner einzigen Sinfonie op. 31 e-moll(Brahms 4. Sinfonie) oder Werkparallelen wie Serenaden für Orchester, Variationswerke für Klavier, zwei Klavierkonzerte wie Brahms oder die Beschäftigung mit deutschen Volksliedern (op. 19), aber es wäre doch falsch, ihn als Epigonen zu bezeichnen, nur weil er keine neuen Richtungen eingeschlagen hat. Brüll ist durchaus seinen eigenen Weg gegangen, der schon durch seine zehn Opern deutlich wird. Brülls Weg ist aber ohne ein Bemühen um„Genauigkeit der Seele“ (Robert Musil) nicht zu ergründen und dies ist nur mit eigener Werkkenntnis dieser feinsinnigen und qualitätvollen Musik zu erfühlen, die zu schöner musikalischer Bereicherung führen würde und von fortgeschriebenen Urteilen frei macht.

Bei Zeitgenossen und Freunden stand er in dem Ruf, „harmlose Musik“ zu komponieren und so sind zahlreiche diesbezügliche Urteile überliefert. Seine großen künstlerischen Erfolge als Komponist und Pianist, Familienglück und finanzielle Freiheit haben wohl solche Urteile einer nach mehreren dieser Richtungen ringenden Neidgesellschaft hervorgerufen, welche die allseits empfundene Gutmütigkeit des Menschen Ignaz Brüll wohl noch provozierte. Nicht nur der Fortschrittsglaube, sondern auch seine jüdische Herkunft stand der Rezeption des Werks entgegen. In einem Brief an Bogumil Zepler (s.a.O.) schrieb Brüll: „Die jüdischen Komponisten komponieren … nicht anders als christliche; ihr Stil ist teils persönlich, teils deutsch (wie bei Mendelssohn) oder französisch, italienisch (wie bei Meyerbeer), je nach ihrem musikalischen Bildungsgang“.

Eine umfängliche Einspielung seiner Werke wäre wünschenswert, abgesehen von einer gelegentlichen Begegnung im Konzertsaal. Das Jubiläumsjahr scheint dies, allerdings eher im angelsächsischen Raum, zu ermöglichen. Ob eine kommerzialisierte Internetseite„Brüll Rediscovery Project“ mehr als eigene finanzielle Bedürfnisse befriedigt, ist nicht so ganz ersichtlich.

Brülls Schaffen ist auch ein Beleg für die geistige Welt Wiens im letzten Drittel des 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein, abseits des bestimmenden „Wien um 1900“ mit den großen Persönlichkeiten und deren Leistungen. Doch trägt sein Werk zum Reichtum jener Zeit bei, wenn auch der Pracht der „Ringstraße“ und den Bestrebungen der „Secession“ entlegen.

Lit.: Div. Musiklexika. – Franz Pazdirek, Universal-Handbuch der Musikliteratur usw., (Werkübersicht), Wien 1904f. – Bogumil Zepler, Ignaz Brüll (Nachruf),in: Ost und West H. 10, 1907. – Richard Specht, Ignaz Brüll,in Deutscher Nekrolog XII. Bd. 1907, Berlin 1909. – Hermine Schwarz, Erinnerungen an meinen Bruder Ignaz Brüll, Brahms und Goldmark, Wien 1922. – Hartmut Wecker, Der Epigone. Ignaz Brüll, ein jüdischer Komponist im Wiener Brahmskreis,Pfaffenweiler 1994. – Eckard Jirgens, Ignaz Brüll,in: Lexikon zur Deutschen Musikkultur – Böhmnen, Mähren, Sudetenschlesien, München 2000, Bd. 1, S. 216ff.

CD-Einspielungen: Klavierkonzerte Nr. 1 u. 2, Andante und Allegro für Klavier und Orchester op. 88 (Hyperion); Symphonie und Serenade (in Vorb.).

Abbildung: Porträt Franz von Lenbach.

Helmut Scheunchen