Biographie

Burghardt, Hans-Georg

Herkunft: Schlesien (Ober- u. Niederschlesien)
Beruf: Komponist
* 7. Februar 1909 in Breslau
† 14. Dezember 1993 in Halle

Mit dem 85. Geburtstag kann Hans-Georg Burghardt auch sein 70jähriges Komponistenjubiläum begehen. Wenngleich Burghardt erst die Fantasie und Fuge für Klavier mit der Opus-Zahl l versah und damit den Anfang seines Schaffens autorisierte, so begann doch bereits mit 15 Jahren das erste ernsthafte Komponieren. In einem musikliebenden Elternhaus aufgewachsen, erhielt er frühzeitig Klavierunterricht. Nach dem Abitur studierte er an der Breslauer Universität Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie sowie am Tonkünstlerseminar und bei E. A. Voelkel Komposition. Seine pianistische Ausbildung vollendete er bei Bronislaw von Pozniak. Für seinen Lebensweg bedeutsam wurde in den 20er Jahren die Begegnung mit der Anthroposophie.

Mit Klaviermusik und vor allem mit Liedern, die ein früher Beleg seines lyrischen Talents sind, begann das kompositorische Schafen. Als Gewinner mehrerer Kompositionspreisausschreiben wurde er einer weiteren Öffentlichkeit bekannt. Dazu trug auch die Förderung Edmund Nicks bei, der den jungen Komponisten als Interpret eigener Werke in den Breslauer Sender einlud. Ein Komponistenabend 1930 in der Breslauer Universität brachte die ersten Uraufführungen kammermusikalischer Werke durch Mitglieder der Schlesischen Philharmonie. Erste Drucklegungen folgten, so1932 Lieder und Klaviermusik in denSchlesischen Monatsheften, und ab 1935 erschienen die ersten Liederhefte bei Littmannn in Breslau, die bis 1944 auf 9 Hefte anwuchsen. Nach Abschluß seiner Studien 1933 war Burghardt freischaffend als Komponist, Pianist und Musiklehrer tätig. Mehrere Interpreten, genannt seien die Pianisten J. v. Karoly, G. Puchelt, H.-E. Riebensahm und C. Bergmann, nahmen Burghardts Werke in ihr Repertoire auf und machten seinen Namen auch außerhalb Schlesiens bekannt. Unter P. Gräner wurde 1936 in München das erste Orchesterwerk Musik für Orchester op. 26 uraufgeführt, und das Pozniak-Trio machte die Klavier-Trios bekannt. 1936 heiratete Burghardt die Konzertsängerin Margarete Heinrich, welche in zahlreichen Konzerten das Burghardtsche Liedschaffen verbreitete, mit dem Komponisten als einfühlsamen Begleiter. 1938 erhielt er den Schlesischen Musikpreis für die Sinfonietta op. 39, die in Liegnitz uraufgeführt wurde. Das Werk erlebte beim Schumann-Musikfest 1940 in Zwickau durch die Berliner Philharmoniker und 1943 in Wien durch die Wiener Sinfoniker weitere erfolgreiche Aufführungen. 1941 wurde Burghardt Lehrer für Kontrapunkt und Komposition am Hochschulinstitut für Musikerziehung in Breslau. Die Begegnung mit der Schlesischen Dichterin Charlotte Dörter-Rehmet wurde zum Beginn einer langen, fruchtbaren Zusammenarbeit, aus der etwa 80 Lied Vertonungen hervorgingen. Zunehmend begann sich Burghardt Orchesterwerken zu widmen. Seine 1. Sinfonie op. 52 wurde 1943 in Liegnitz uraufgeführt, die 3. Sinfonie op. 73 wurde zum letzten in Schlesien entstandenen Werk. Als Volkssturmmann erlebte er die Belagerung und die Übergabe) Breslaus.

Der Vertreibung folgten schwere Jahre des Neubeginns in HalleJ der Uckermark und in Cottbus. Für das 1. Klavierkonzert op. 82 erhielt er den Brandenburgischen Musikpreis, der seinem Schaffen im mitteldeutschen Musikleben zur Geltung verhalf. Von 1952 bis 1964 war er am Institut für Musikerziehung der Universität Jena tätig. Wesentliche Werke entstanden. Die Oper Ludowica, Lieder und Kammermusik sowie die Aufführungen der Klavierkonzerte in Jena und Weimar waren die reiche Ernte jener Jahre. 1964 wurde Burghardt nach Halle an das Institut für Musikwissenschaft berufen, an dem er bis zu seiner Pensionierung 1974 tätig war. Nach dem Tod seiner Lebensgefährtin Margarete 1975 heiratete er 1980 Johanna Dörter, die Tochter der Dichterin. In geistiger Frische lebt Hans-Georg Burghardt in Halle; die Sommermonate verbringt er in seinem Haus in der Künstlerkolonie Vitte auf Hiddensee. Burghardt ging in seinem Schaffen von der Spätromantik aus, teilweise an Anton Bruckner anknüpfend, und fand früh seinen eigenen Weg. Von Bedeutung für seine Entwicklung waren unter anderem der Einfluß Paul Hindemiths und die Schriften Rudolf Steiners zur Musik. Aus der Ablehnung einer orthodox-seriellen Satzweise gelangte er in die Bi- bzw. Polytonalität, von der Terz als Tonalitätsgrundlage abrückend. Sein Schaffen, inzwischen auf rund 120 Opus-Zahlen angewachsen, umfaßt zahlreiche Gattungen. Besonders häufig hat er sich der Klaviermusik und Liedkompositionen zugewandt (etwa 300). Seine Meisterschaft zeigt sich nicht nur in den komplexen Werken für den Konzertsaal, sondern auch in dem, was für die Schule und den häuslichen Kreis entstand. Sein Wort in dem Aufsatz Das Dur-Moll Problem von 1946 soll auch heute noch als Mahnung gelten: „Unsere Zeit ist viel zu ernst, als daß wir es erlauben dürfen, die Kunst als eine Art bessere Spielerei zu betrachten … Kunst ist im tieferen Sinne ein Mittel der Gottheit zur Erziehung des Menschengeschlechts.“

Burghardts langer Lebensweg ist von den Heimsuchungen der deutschen Geschichte gezeichnet. Mit einer musiktheoretischen Schrift, die Burghardt in den frühen 30er Jahren verfaßte, fiel er bei den Machthabern des III. Reiches in Ungnade. Infolge von Kriegseinwirkungen wurde das Wohnhaus Opitzstraße 78 in Breslau zerstört, was den weitgehenden Verlust des bis dahin Geschaffenen sich brachte. Der Bruder fiel im Krieg, und die Vertreibung führte zum Verlust der Heimat und des Kreises seines Wirkens. Die Kunstauffassung der DDR-Funktionäre stand gegen das feinsinnige Komponieren von Hans-Georg Burghardt; sie erlaubten ihm ein ärmliches Dasein. Es bleibt die Frage nach der Zeit seit der Wiedervereinigung. Hatte ihm VEB Edition Peters Leipzig noch 1989 mit einer Verlagsanzeige „herzlich unserem Autor“ zum 80. Geburtstag gratuliert, mit Nennung der im Verlag erschienenen Werke, so erfolgte 1991 die Aufkündigung, trotz guten Verkaufs seiner Werke. Der sich „reorganisierende“ Verlag stellte das veröffentlichte Werk der Vernichtung anheim. Das Institut für Ostdeutsche Musik Bergisch Gladbach konnte das noch Vorhandene vor dem Reißwolf retten. Die Aussichten für einen „ehrbaren Meister edler deutscher Tonkunst“ sind schlecht. Für den an die Massenmedien veräußerten Musikbetrieb ist Burghardts  verinnerlichtesSchaffen anscheinend eine zu schwere Bürde. Eine Pflicht wäre es, eine der letzten Komponistenpersönlichkeiten, die noch im schlesischen Musikleben wirksam tätig gewesen war, von hoher Stelle aus zu ehren, ganz abgesehen davon, daß Burghardt ein herausragender deutscher Komponist des 20. Jahrhunderts ist.

Werke: 4 Sinfonien, 3 Klavierkonzerte, Oper „Ludowica“ n. Dörter-Rehmet, Kammermusik in versch. Besetzungen, ca. 300 Liedkompositionen, Chorwerke, Orgelwerke, Musik für Harmonium, Chormusik, Klaviermusik u. a. 12 Klaviersonaten. Ein großer Teil des Schaffens ist gedruckt.

Lit.: Helmut Scheunchen: Der Komponist Hans-Georg Burghardt, in: Vierteljahresschrift Schlesien Heft II1989, 116ff. – ders. dass.: Ergänzt um das Werkverzeichnis, 1990. – Riemann Musiklexikon, Ergänzungsband A-K, 169. – Mosers Musiklexikon: Band l. – MGG: F. Feldmann Sp. Breslau. – H. Scheunchen: H. G. Burghardt in: Ostdeutsches Musiklexikon Teil l Schlesien (in Vorb.). – Gabriele Scheunchen: Gedichte aus dem Verborgenen: Charlotte Dörter-Rehmet, in: Mitte und Ost, Jahresschrift des Ostdeutschen Literaturkreises e.V., Band 3 1992, 62ff.

Helmut Scheunchen (1994)