Biographie

Kulmus, Johann Adam

Herkunft: Danzig
Beruf: Arzt, Naturforscher
* 23. März 1689 in Breslau
† 30. Mai 1745 in Danzig

Johann Adam Kulmus lebte als promovierter Mediziner, praktischer Arzt und außerordentlich ertragreicher Schriftsteller in Danzig. In seinen medizinisch-naturwissenschaftlichen Büchern und kleineren Veröffentlichungen setzte er sich für die Hebung der medizinischen Bildung allgemein ein, insbesondere aber für die der Chirurgen, Bader und wandernden Jahrmarktsheiler, die oft mehr Schaden als Nutzen stifteten. Mit diesen Forderungen und seinem schriftstellerischen Beitrag zu ihrer praktischen Umsetzung zählte Kulmus zu den fortschrittlichsten studierten Medizinern seiner Zeit.

Sein Vater, der Bäckermeister Adam Kulmus, und seine Mutter Maria, geb. Flegel, müssen früh gestorben sein, denn zwischen 1704 und 1706, noch als Gymnasiast, zog Johann Adam mit seiner jüngeren Schwester Maria zu seinem älteren Bruder Johann Georg Kulmus (1680 bis 1731). Dieser lebte seit 1704 als studierter praktischer Arzt in Danzig und begründete hier eine jener bekannten Mediziner-Familien über drei Generationen.

Johann Adam Kulmus setzte zunächst (nach dem Besuch des Breslauer Magdalenengymnasiums) seine Ausbildung am bekannten Akademischen Gymnasium in Danzig fort und studierte dann ab 1711 in Halle (bei Christian Wolff) Medizin und Naturwissenschaften. Als weitere Studienorte werden Frankfurt/Oder, Leipzig, Altdorf, Straßburg und Basel genannt, wo er 1715 mit der ArbeitDe harmonia morum et morborum (Über den Einklang zwischen Charakter und Krankheit) zum Doktor der Medizin promoviert wurde. Auf einer anschließenden Bildungsreise durch Holland lernte er in Leyden den berühmten Professor Boerhave (1668-1738, Mediziner und Chemiker) kennen und vielleicht auch den dort lebenden Danziger Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit.

Nachdem sich Kulmus als praktischer Arzt in Danzig niedergelassen hatte, heiratete er am 4. November 1721 in der Kirche St. Johann die Krämerswitwe Concordia Leuschner, geb. Ebeling, die ihn um 28 Jahre überlebte, da sie 90 Jahre alt wurde; die Ehe blieb offenbar kinderlos. Doch war Kulmus wesentlich bei der Erziehung seiner Nichte Luise Adelgunde Kulmus (1713 bis 1762) beteiligt, zumal sein Bruder bereits mit 51 Jahren verstarb. Diese Nichte, bald eine gebildete junge Frau, wurde nach ihrer Hochzeit (1735) mit Johann Christoph Gottsched aus Juditten als "Gottschedin" eine bekannte Schriftstellerin. Im Jahre 1725 trat Johann Adam Kulmus in der Nachfolge Glosemeyers die Professur für Medizin und Naturwissenschaften (vertretungsweise auch für Mathematik) am Akademischen Gymnasium in Danzig an und vertrat auch in seinen Vorlesungen die Ansicht, daß naturwissenschaftliche Forschungen die Grundlagen jeder medizinischen Praxis zu sein hätten. Auf Grund seiner zahlreichen Veröffentlichungen und seines Ansehens wurde er in Danzig Stadtphysikus (1736?), also eine Art Amtsarzt in heutiger Sprechweise.

Wohl Kulmus´ bedeutendstes Werk, mit Sicherheit aber sein bekanntestes war: Anatomische Tabellen, nebst dazugehörigen Anmerkungen und Kupfern, daraus des ganzen menschlichen Körpers Beschaffenheit und Nutzen deutlich zu ersehen … Das Buch erfuhr mindestens ein Dutzend Auflagen in Danzig, Leipzig, Augsburg und Amsterdam; es erschien in deutscher, lateinischer, französischer, italienischer, niederländischer und 1771 in japanischer Sprache. 1740 war in Augsburg ein Raubdruck herausgekommen. Fast 45 Jahre nach Kulmus´ Tod hat Karl Gottlob Kühn dieses Buch noch einmal völlig umgearbeitet und in mehreren Auflagen herausgebracht. Es ist bewußt für "Anfänger der Anatomie" und zur Unterstützung seiner Vorlesungen am Akademischen Gymnasium gedacht und fast schon in genialer Einfachheit und Übersichtlichkeit verfaßt. Das Werk ist in je 28 Tabellen, Anmerkungen und Kupfertafeln gegliedert, die jeweils streng aufeinander bezogen sind. Die Tabellen wiederum sind mit Zahlen und Buchstaben durchnumeriert, die sich in den herausklappbaren Tafeln an den entsprechenden zeichnerisch dargestellten Körperteilen, Knochen, Muskeln, Gefäßen u.ä. wiederfinden. In den Tabellen findet man als strukturierende Elemente "Definitionen", "Objekte", "Einteilungen", "Mittel zur Erlernung" oder "Nutzen". So erklärt die erste Definition den Begriff Anatomie als "die Zergliederkunst, ist eine künstliche Zerlegung der Körper, wodurch alle ihrer Theile Wesen, Zusammenfügung, Lager, Gestalt, Verrichtung und Nutzen erlernet wird". Kulmus legt besonderen Wert auf die genaue Erklärung der auf der Universität benutzten lateinischen Begriffe, wozu auch eine alphabetische Zusammenstellung mit zugehöriger deutscher Übersetzung am Ende des Buches dient. Die erste Anmerkung enthält als Hilfe für den Leser ein umfangreiches Verzeichnis weiterführender Literatur.

In der vierten Auflage, Leipzig 1742 (die Lübecker Stadtbibliothek besitzt einen Nachdruck von 1759), schreibt Kulmus – bezeichnend für seine moderne Einstellung – am Ende der ersten Anmerkung: "Es nutzet die anatomische Wissenschaft vornehmlich den Ärzten und Wundärzten, welche selbiger eben so wenig als ein Seefahrender des Schiffcompasses entrathen können, als ohne deren gründliche Einsicht sie die ihnen anvertrauten Kranken auf bloßes Gutachten eben so wohl gewissenloser, muthwilliger Weise in Lebensgefahr setzen, als ein unverständiger Steuermann … denn wie will einer einem schadhaften Körper zur Gesundheit verhelfen, wenn er nicht vorher weis, was für Theile im Leibe Noth leiden? welche Verrichtungen dadurch gestöret werden? worinnen die Gesundheit bestehe? und wie der Körper von Natur beschaffen seyn müsse? … und ohne zulängliche Erkenntniß der Muskeln und Knochen ist ein Wundarzt ein Wagehals, wenn er auch 20 Jahre Feldscherer gewesen wäre. Es finden aber auch Gottesgelehrte, Juristen und Philosophen und alle anderen Menschen ihren Nutzen bey der Anatomie, weil man hieraus die unbegreifliche Weisheit und Allmacht des großen Gottes zu seinem Lobe betrachten; theils gefährliche und tödtliche Verletzungen zur Bestrafung der Boshaften beurtheilen; … kann."

Wegen seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde Kulmus 1722 Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der ältesten naturwissenschaftlich-medizinischen Gesellschaft in Deutschland, und 1725 der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Berlin. Johann Adam Kulmus starb mit 56 Jahren und wurde in St. Trinitatis in Danzig begraben.

Werke: Elementa philosophiae naturalis, Danzig 1722. – De auditu, Danzig 1728. – Exercitatio de Insectis, Danzig 1729.

Lit.: Deutsches Biographisches Archiv. – H.-J. Kämpfert: Danziger Naturwissenschaftler. In: Danzig in acht Jahrhunderten. Hrsg. von B. Jähnig und P. Letkemann, Münster 1985. – Dorothea Weichbrodt: Patrizier, Bürger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig in Stamm- und Namentafeln vom 14. – 18. Jahrhundert. Klausdorf/ Schwentine 1986.

Bild: Frontispiz aus: Anatomische Tabellen, Leipzig 1759.

 

  Hans-Jürgen Kämpfert