Biographie

Seewald, Richard

Herkunft: Pommern
Beruf: Maler, Graphiker, Schriftsteller
* 4. Mai 1889 in Arnswalde
† 29. Oktober 1976 in München

Richard Seewald, der in Arnswalde (Neumark) geboren wurde, später wechselweise in seiner Tessiner Wahlheimat Ronco und München lebte, vereinte in sich durch Geburt und Geisteshaltung europäische Kulturlandschaft. In seiner Autobiographie „Der Mann von gegenüber – Spiegelbild eines Lebens“ hat Seewald seinen wechselvollen Lebensweg erhellt. Er führte ihn aus der herben Weite des deutschen Nordostens in die heitere, lichtdurchflutete Welt des Südens, dessen landschaftliche und geistige Atmosphäre er vorwiegend in seinen Bildern festhielt. Mit Hölderlin teilte er die Liebe zu Griechenland, mit Goethe die zu Italien. Dem Erbe des christlichen Abendlandes fühlte er sich gewollt verpflichtet. Er selbst bezeichnete sich als einen „Sohn und Bürger des Abendlandes, der in der rechten Rocktasche die Summa des Thomas von Aquin … in der linken die Dialoge Platons“ mit sich führte. Über Stettin, Stralsund, wo er das Abitur bestand und an das er sich in seinem erstmals 1921 bei Gurlitt erschienenen Buch „Tiere und Landschaften“ liebevoll erinnerte, führte ihn zwanzigjährig sein Lebensweg als Architekturstudent nach München. Damals bestritt er seinen Lebensunterhalt vorwiegend mit Karikaturen, die er für die „Jugend“ bzw. die „Meggendorfer Blätter“ zeichnete. Der junge, hoffnungsvolle Seewald vermischte darin Münchener Bohème und Schwabing, ersten Kunstrausch und jugendliches Überströmen. Mit den „Blauen Reitern“ in München und dem „Sturm-Kreis“ in Berlin folgte Seewald expressionistischen Aufbruchtendenzen. Selbst in dem Mappenwerk die „Fröhlichen Städte“ wirken Anklänge der „stürmischen“ Anfangsjahre nach.

Sein Weg in die breite Öffentlichkeit begann 1911, als er im „Salon d’Automne“ in Paris ausstellte. In Herwarth Waldens „Sturm“-Ausstellung in Berlin 1913 fiel er mit seinen frühen Bildern auf. Zeitgleich erschienen Holzschnitte von starker Wirkung in Franz Pemferts Zeitschrift „Aktion“. Einer der damals führenden Kunstkritiker und sachkundigen Observanten, Wilhelm Hausenstein, schrieb über Seewald: „Das Eigentümliche seiner Kunst ist die absolute Unmittelbarkeit seiner Beziehung zu den Dingen. Er ist ein Moderner außerhalb der Kategorien.“ Schon damals erfreute die ungekünstelte Schlichtheit seiner Bilder das Auge. Mehr Graphiker als Maler, bevorzugte Seewald die klare Linienführung. Von den ursprünglich bevorzugten Sujets Zirkus, Varieté, Straßenszenen verlagert und erweitert der spätere Seewald sein Œuvre zur übergreifenden Landschaft. Geschmeidige, abgerundete Formen dominieren in seinen Bildern, die mit wenigen Strichen südliche Landschaft einfangen. Sanfte Hügel, von Wegen durchzogen, Zypressen, Weinstöcke … setzen beschauliche Akzente. Selbst die Komparserie gewinnt durch Natürlichkeit Farbe und Charakter. Tiere wie z.B. der biedere bis störrische Esel oder die vielverspottete „dumme“ Ziege verlieren dank der künstlerischen Strichführung klischeehaftes Vorurteil. Seewald engagiert sich zugunsten des scheinbar Schwächeren. Da lag es nahe, sich Virgils „Hirtengedichte“ graphisch anzueignen. Für Jacob Hegner in Hellerau brachte er illustrierte Bücher wie z.B. den „Hasen-Roman“ von Francis Jammes heraus, in dem er eine paradiesische Tierwelt Bild werden ließ. Gleichfalls ist auch des „Pudels Kern“ zu erwähnen, die liebenswürdige Schilderung eines geliebten Hausfreundes.

Seine Skizzenbücher sind Legion, das wenigste davon in Büchern dargeboten. Seewald äußerte sich aber nicht nur im Bild. Vor seinen Lebenserinnerungen lagen 38 Veröffentlichungen. In seiner Jugend hatte er, aus Begeisterung für André Gide „Le voyage d‘Urien“ ins Deutsche übertragen. Er hatte die Bibel, Virgil, Gellert, Goethe, v. Kleist, Stifter illustriert, aber auch Jack London, G. S. Lewis, Francis Jammes und Jean Giono, Werner Helwig, Erhart Kästner und Joachim Ringelnatz. Zeit seines Lebens war Seewald von Literatur umgeben, über die Jahrzehnte hat er sich vonihr inspirieren lassen.

Die Maler-Bücher („Reise nach Elba“, „Frutti di Mare“, „Zu den Grenzen des Abendlandes“ u.a.m.) zeigen ihn als einen jener selten gewordenen Geister, bei denen sich eine umfassende Bildung, eine in Form geprägte Sensibilität und eine sinnliche Intelligenz zu einer glückhaften Symbiose vereinen. Neben dem bildnerischen Werk des Malers steht das nicht minder bedeutende eines Schriftstellers. Beides strömt aus dem gleichen Quell unverbildeter Anschaulichkeit. Seewald ging es nicht ausschließlich um Wiedergabe des Gesehenen, sondern auch um Komposition, um zeichenhafte Verdichtung. Maß, Ordnung, Balance bilden für ihn unverzichtbare Normen seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Seinem Rang und Ruf hat die Doppelbegabung aber eher geschadet als genützt. 1929 konvertiert der Protestant zum Katholizismus. Die Schweiz hat ihn 1939 als Bürger aufgenommen. 1954 nahm er die Berufung an die Akademie der Bildenden Künste in München an, die er jedoch schon 1956 aus Protest gegen die veränderten Tendenzen der Kunstauffassung verließ. 1956 wurde er Mitglied der angesehenen Bayrischen Akademie der Schönen Künste. 1961 begann er mit dem Ausmalen der während des Zweiten Weltkrieges zerstörten Fresken der Hofgartenarkaden, die als sein bedeutendes Alterswerk gelten können. Kunstpausen nutzte er zum Reisen. Von Palästina bis Südfrankreich tastete er den Umkreis des Mittelmeeres ab. Untätiges Verschwenden war ihm zuwider.

Obgleich der Künstler bis ins hohe Alter die geschäftige und oberflächliche Kunstschickeria mied, statt dessen abseits der aktuellen Kunstszene lebte und arbeitete, hielt er sich keineswegs abseits von Zeitfragen und Zeitängsten. Nie ließ er sich verbiegen. Die kalte Macht und ihr Mißbrauch beschäftigten ihn immer wieder neu in seinen graphischen und zeichnerischen Zyklen. Am Ende seines Lebens packt Seewald die Angst vor den „blinden Maschinen“, vordem „Ameisenstaat“.

„Es ist Zeit, die Feder niederzulegen“, so beschwichtigte der besonnene Chronist seine Leser siebenundachtzigjährig in einem der letzten Kapitel seiner „Lebenserinnerungen“. Danach bleiben ihm bis zu seinem Tod am 29. Oktober 1976 noch ein paar Wochen, zwei weitere Kapitel hinzuzufügen. Sein erfülltes Leben bot überreichlich Stoff.

In Klischees ließ sich der Autodidakt nicht pressen. Wo es ihm geboten schien, gegen den Strom zu schwimmen, scheute sich der sonst eher zurückhaltende Seewald nicht, bissig seine Stimme zu erheben. In seiner unverwechselbaren Art wird R. Seewald über seine Zeit hinauswirken. In einem Nachruf schrieb Werner Helwig in der FAZ vom 3. November 1976: „Was Seewald in dieser Zeit an Welt in sich hineingeholt und zum Bild gemacht hat, gleicht einem Planetarium im Maßstab eines Menschen. Das ist bleibend: Richard Seewald, ein Alleingänger seiner Überzeugung, ein Zeuge für viele.“

Lit.: Hans Zeeck, Der Maler Seewald. In: Unser Pommern, S. 254-257. – Heinrich Eugen, Richard Seewald – Mensch zwischen den Grenzen des Abendlandes. Pommern. Heft 4/1967, V. Jahrgang, S. 1-5. – Rolf Gaska, Unbeirrbarer Einzelgänger, in: Kieler Nachrichten vom 21.8.1974. – Hans Bender, Welt von gestern, Welt von morgen, in: Süddeutsche Zeitung 10./11. Dezember 1977.