Biographie

Urzidil, Johannes

Herkunft: Sudeten (Böhmen u. Mähren, österr. Schlesien)
Beruf: Schriftsteller, Journalist
* 3. Februar 1896 in Prag
† 2. November 1970 in Rom

Sein vielleicht wichtigstes Buch Goethe in Böhmen (1932) erschien im 100. Todesjahr des Weimarer Klassikers, der zwischen 1785 und 1823 allein siebzehnmal in den böhmischen Bädern Ruhe und Erholung gesucht hat, in Karlsbad, Franzensbad, Teplitz und Marienbad; eine zweite, stark erweiterte und überarbeitete Auflage erschien 1962.

Johannes Urzidil, geboren in Prag, war der Vermittler zwischen deutscher und tschechischer Literatur im Habsburger Kaiserreich und danach bis zur Emigration nach England 1939. Er stammte aus einer katholischen deutsch-böhmischen Familie, die in Schippin bei Konstantinsbad ansässig war. Dort arbeitete sein Vater Josef Urzidil (1854-1922) als Lehrer. Seine Mutter Elise, geborene Metzeles, stammte aus dem Prager Judentum, war aber schon vor ihrer Ehe zum Katholizismus konvertiert und brachte aus ihrer ersten Ehe sieben Kinder mit. Sie starb 1900, kurz vor Johannes Urzidils viertem Geburtstag. Der Vater heiratete 1903 die Tschechin Marie Mortbeck, mit der er keine Kinder hatte.

Noch während der Schulzeit veröffentlichte der junge Johannes erste Gedichte in der liberaldemokratischen Zeitung „Prager Tagblatt“, die mehrmals am Tag erschien und von der deutschen Besatzungsmacht am 4. April 1939 eingestellt wurde. Später veröffentlichte Johannes Urzidil auch Übersetzungen tschechischer Lyrik. In dieser Zeit entstanden auch Freundschaften zu Schriftstellern des „Prager Kreises“, die sich immer im „Café Arco“ trafen. Zu ihnen gehörten Max Brod (1884-1968), Franz Kafka (1883-1924), Paul Kornfeld (1889-1942), Felix Weltsch (1884-1964), Franz Werfel (1890-1945) und Ludwig Winder (1889-1946).

Von 1914 bis 1918 studierte er, unterbrochen 1916 durch den Militärdienst in der österreichischen Armee, an der Karls-Universität in Prag Germanistik bei August Sauer (1855-1926), Slawistik und Kunstgeschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Übersetzer an der Deutschen Botschaft in Prag und war von 1918 bis 1939 Korrespondent des „Prager Tagblatts“ und seit 1922 auch für den „Berliner Börsen-Courier“. Sein Gedichtband Sturz der Verdammten (1919), erschienen in der Buchreihe „Der jüngste Tag“ des Leipziger Kurt-Wolff-Verlags, war sein erstes Buch.

Im Jahr 1922 heiratete er Gertrude Thieberger (1898-1977), die aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie stammt und auch Lyrikerin war. Im selben Jahr wurde Johannes Urzidil zum Pressebeirat der Deutschen Botschaft in Prag ernannt. In der 1918 erstandenen Tschechoslowakischen Republik veröffentlichte er neben literarischen Texten zahlreiche Aufsätze und Artikel über Literatur, Kunst, Geschichte und Politik. Sein zweiter Gedichtband Die Stimme erschien 1930 in Berlin. Nach Adolf Hitlers „Machtergreifung“ in Berlin am 30. Januar 1933 wurde Johannes Urzidil als „Nichtarier“ aus dem diplomatischen Dienst des Deutschen Reiches entlassen, auch seine Korrespondententätigkeit für deutsche Zeitungen musste er einstellen. Die Jahre bis 1939 verbrachte er mit seiner Frau in Josefsthal bei Glöckelberg im Böhmerwald (im Jahr 2006 wurde in Glöckelberg/Zvonková ein Urzidil-Museum eröffnet).

Im Juni 1939, drei Monate nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Böhmen und Mähren, konnte Johannes Urzidil, der nach den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935 als „Volljude“ galt, Prag verlassen und über Italien nach England fliehen, 1941 dann in die Vereinigten Staaten. In New York lebte er in ärmlichen Verhältnissen und arbeitete als Lederkunsthandwerker. Im Jahr des Kriegsende 1945 veröffentlichte er die Erzählung Der Trauermantel über Adalbert Stifter (1805-1868). Seit 1951 arbeitete er, dadurch finanziell abgesichert, für die „Österreich-Abteilung“ des amerikanischen Senders „Voice of America“. Seine Erzählung Die verlorene Geliebte über das untergegangene Prag erschien 1956, woraufhin ihn Max Brod den „großen Troubadour jenes für immer versunkenen Prags“ nannte.

Er blieb auch nach dem Krieg in New York wohnen, unternahm von dort aus aber zahlreiche Lese- und Vortragsreisen. Auf einer solchen Reise ist er am 2. November 1970 in Rom gestorben, wo er auch begraben liegt. Nach dem Untergang des Kommunismus 1989 wurde er in Böhmen wiederentdeckt, wo 2005 eine „Johannes-Urzidil-Gesellschaft“ gegründet wurde, die wissenschaftlichen Tagungen in Rom (1984), in Prag (1995) und in Aussig an der Elbe (2010) veranstaltete. Er hat den „Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur“ (1964) bekommen, den „Literaturpreis der Stadt Köln“ (1964) und den „Andreas-Gryphius-Preis“ (1966) der „Künstlergilde Esslingen“.

Werke: Sturz der Verdammten, Gedichte, Leipzig 1919. – Die Stimme. Gedichte, Berlin 1930. – Goethe in Böhmen, Wien/Leipzig 1932, Zürich/Stuttgart 1962. – Der Trauermantel, Erzählung, New York 1945. – Die verlorene Geliebte, Erzählungen, München 1956. – Das große Halleluja, Roman, München 1959. – Prager Triptychon, Erzählungen, München 1960. – Das Elefantenblatt, Erzählungen, München 1962. – Da geht Kafka, Essays, Zürich/Stuttgart 1965/66. – Morgen fahre ich heim, böhmische Erzählungen, München 1971.

Lit.: Gerhard Trapp, Die Prosa Johannes Urzidils, Dissertation, Frankfurt/ Main-Bern 1965. – Hedwig Pistorius, Johannes Urzidils und das Exil, Dissertation, Wien 1978. – Johann Lachinger u.a., Johannes Urzidil und der Prager Kreis, Linz 1986. – Aldemar Schiffkorn, Böhmen ist überall, Linz 1999. – Steffen Höhne und andere, Johannes Urzidil (1896-1970), Köln/Weimar/Wien 2013. – Verena Zankl, Christine Busta und Johannes Urzidil. Briefwechsel 1957 bis 1970, Innsbruck 2013.

Bild: Porträt vor 1925, Wikipedia geminfrei.

Jörg Bernhard Bilke