Biographie

Wrangell, Ferdinand Georg Friedrich Baron von

Herkunft: Baltikum (Estland, Lettland, Litauen), Rußland (Wolga- u. Schwarzmeer)
Beruf: Marineoffizier, Pädagoge, Publizist
* 16. Februar 1844 in St. Petersburg
† 3. Dezember 1919 in Asconna

Ferdinand von Wrangell gehörte einem weit verbreiteten deutschbaltischen Adelsgeschlecht an. Sein Vater, der den gleichen Vornamen trug, erreichte im Dienste der russischen Mari­ne den Admiralsrang, übte zeitweilig die Funktion des russi­schen Marineministers aus und wurde früh als Polarfor­scher berühmt (vgl. OGT 1957, S. 25-27). Seine Mutter Elisabeth war eine geborene Baronesse Rossillon. Als jüngster Sohn dieses Paares wurde Ferdinand 1844 in St. Petersburg geboren. Nachdem der Vater in einen zeitweiligen Ruhestand getreten war, zog die Familie 1848 nach Estland, wo der Junge auf dem väterlichen Gute Ruil (Kreis Wesenberg) glückliche Kindheitsjahre verbrachte. Wegen einer schweren Erkrankung der Mutter nahm die Familie jedoch im Jahre 1852 ihren Wohnsitz in Reval, weil nur dort eine entsprechende ärztliche Behandlung möglich war. In Reval besuchte Ferdinand zunächst eine Privatschule, dann ein Gymnasium.

Der Vater hatte für seinen Sohn den Dienst in der russischen Marine vorgesehen und meldete ihn bereits 1852 für den Eintritt in das Seekadettenkorps in St. Petersburg an, wo er wie viele andere baltische Adlige einst selbst ausgebildet worden war. Ferdinand besuchte diese Institution ab 1857 zunächst als Ex­terner, danach als Internatszögling. Während und nach seiner dortigen Ausbildung wurde es ihm zwecks Gewinnung prak­tischer Erfahrungen ermöglicht, an Fahrten von Kriegsschiffen teilzunehmen, die wiederholt ins Mittelmeer führten. Das Anlaufen von Häfen verschiedener Länder und der dortige Aufenthalt erweiterten seinen Horizont. Zugleich geriet er unter den Einfluss revolutionär gesonnener Besatzungsmitglieder und wollte schließlich den Dienst in der zarischen Flotte aufgeben, um an einer russischen Universität Geschichte, Philosophie und weitere Fächer zu studieren.

Sein wieder im Staatsdienst befindlicher einflussreicher Vater ermöglichte es, dass der Sohn 1862 ein Studium in Dorpat auf­nahm, ohne seine inzwischen erreichte Stellung als Marineoffizier aufgeben zu müssen. In Dorpat, dessen Universität damals eine Blütezeit erlebte, studierte Wrangell Astronomie und Physik, er besuchte aber auch sonstige Lehrveranstaltungen und war namentlich von dem Historiker Carl Schirren (vgl. OGT 2001/2002, S. 130-132) beeindruckt. Er erlebte geistige Auseinandersetzungen, bei denen sich auch konservative Persönlichkeiten und Positionen behaupteten. Seine oppositionelle Phase endete hier. Nach dreijährigem Studium in Dorpat nahm er zunächst wieder an Seefahrten teil und besuchte dann die Marineakademie in St. Petersburg. Im Jahre 1870 heiratete er in Kreuznach, wo seine Gemahlin Adelina, geborene Montague, die Tochter eines Engländers und einer Deutschen, aufgewachsen war. Der Abschluss des Besuchs der Marineakade­mie als einer der Besten führte dazu, dass man ihn zur Ergänzung seines Wissens 1872-1873 ins Ausland schickte. Beim Besuch entsprechender Forschungsinstitute und Spezialisten in mehreren europäischen Ländern und in den USA lernte er neue hydrologische und meteorologische Untersuchungsmethoden ken­nen.

Anschließend wurde Wrangell mit der Leitung physikalischer Forschungsarbeiten am Schwarzen und Asowschen Meer beauf­tragt. Er entdeckte und erprobte Möglichkeiten der Weitemessung für Artilleriegeschosse über See und der Messung großer Meerestiefen. Auch während des russisch-türkischen Krieges von 1877-1878, als er einem Verteidigungsstab an der Dnjepr-Mündung zugeordnet war, wurde diese Tätigkeit nicht unterbrochen. Bald danach übernahm er aber pädagogische Aufgaben. Wrangell wurde Erzieher des Herzogs Carl Michael von Mecklenburg-Strelitz, eines Sohnes des in St. Petersburg lebenden Herzogs Georg zu Mecklenburg und einer russischen Großfürstin. Ab 1883 fungierte er als für die Erziehung verantwortlicher „Inspektor“ des berühmten Alexander-Lyzeums, eines Internats für Söhne aus aristokratischen Familien, die dort für die höchsten Posten im Staat ausgebildet wurden. Er unterrichtete hier das Fach Kosmographie, daneben hielt er 1886-1889 hydrologische und meteorologische Lehrveranstaltungen an der Marineakademie ab. Als er 1892 das prestigehafte Amt des Lyzeumsdirektors antrat, hatte Wrangell seine höchste Dienststellung erreicht. Diese nahm er bis zu seinem Ausscheiden wegen schlechten Gesundheitszustandes im Jahre 1896 wahr. Danach verbrachte er mit seiner Gemahlin mehrere Jahre in dem unweit von St. Petersburg gelegenen finnischen Ort Kuokkala (heute Repino). Anschließend lebte das Ehepaar im westlichen Ausland, hauptsächlich in der Schweiz, wo Wrangell 1919 auch starb.

Ab 1866 hatte er zahlreiche Aufsätze verschiedener Art in der russischen Marine-Zeitschrift „Morskoj sbornik“ veröffentlicht. Dazu gehörten noch in den Jahren 1910-1913 Beiträge über den mit ihm befreundeten Stepan Makarov, einen Flottenführer und Forscher, der 1904 im Russisch-Japanischen Krieg gefallen war. Diese Beiträge gingen in eine zweibändige Buchpublikation von Wrangell über Makarov ein. Als weitere herausragende Arbeit sei eine von ihm redigierte umfangreiche Anweisung des Seeweges von Kronstadt nach Wladiwostok erwähnt. In den Jahren 1897-1904 gehörte er der Redaktion einer russischen Zeitschrift für Hydrographie („Zapiski po gidrografii“) an. Neben diesen fachspezifischen Leistungen steht Wrangells sehr bemerkenswertes Wirken als Publizist. Bereits 1881 veröffentlichte er in russischer Sprache eine Broschüre über die „Baltische Frage“, die danach auch auf Deutsch herauskam. Alle anderen seiner insgesamt ca. 20 Broschüren erschienen zwischen 1905 und 1918, zumeist in deutscher Sprache. In ihnen geht es vor allem um die neueste Entwicklung in Russland und das Verhältnis zwischen den Russen und den deutschbaltischen Untertanen des Zaren, des Weiteren um die gesamteuropäische Problematik des Ersten Weltkrieges und um in kürzeren Aufsätzen behandelte kulturgeschichtliche Einzelthemen wie beispielsweise „Wissen und Glauben“ und die Philosophie Nietzsches.

In diesen Texten unterrichtet der Autor seine westlichen Leser über die Verhältnisse in Russland und im Baltikum realitätsnah. Vieles, was er sagt, findet man so auch in heutigen wissenschaft­lichen Darstellungen. In seinen Urteilen gelangen aber auch seine Verwurzelung im Zarenreich und seine Zugehörigkeit zur deutschbaltischen Oberschicht zur Geltung. Er findet warme Worte für die Menschlichkeit der Russen, rechnet mit einer weiteren Bedeutungszunahme der russischen Kultur und hofft noch in seiner letzten Broschüre, die in der ersten Hälfte des Jahres 1918, Monate nach der Oktoberrevolution, verfasst wurde, auf eine spätere Wiederkehr der Monarchie in Russland mit einem Herrscher aus dem Hauses Romanov. Dabei ist er stolz auf die hohen Kulturleistungen der Deutschen allgemein und betont den deutschbaltischen Anteil am neueren Aufstieg Russlands. Auch die neueste wirtschaftliche und kulturelle Emanzipation der Esten und Letten sieht er als wesentlich mitbedingt durch die Agrar- und Schulpolitik der Deutschbalten. Doch war Wrangell keineswegs ein engstirniger Vertreter von Standesinteressen. Er bejahte die demokratischen Freiheiten, die die russische Revolution von 1905 gebracht hatte, und sogar auch die Enteignung des Großgrundbesitzes durch die Bolschewiki. Beachtenswert bleibt sein Patriotismus ohne Abwertung anderer Völker, und verdienst­voll war sein frühes Eintreten für eine Beendigung des Welt­krie­ges durch die Bildung einer Liga der Nationen. In Deutsch­land ist diese Persönlichkeit heute vergessen, sie verdient aber, beachtet zu werden.

Werke: Die russisch-baltische Frage, Leipzig 1883. – Abweichende Ansichten, Leipzig 1905. – Die Elemente des russischen Staates und die Revolution, Leipzig 1907. – Die Baltische Frage in persönlicher Beleuchtung, Reval 1907. – Im neuen Rußland. Eindrücke, Gespräche, Betrachtungen, Reval 1908. – Vice-admiral Stepan Osipovič Makarov, Č. 1-2, Sankt-Peterburg 19011, 1913 (russisch). – Warum kämpfen sie? Eine völkerpsychologische Studie, Zürich 1914. – Internationale Anarchie oder Verfassung?, Zürich 1915. – Die Kulturbedeutung Rußlands, Zürich 1916. – In magnis voluisse sat est [Erinnerungen], in: Acta Wrangeliana 29 (1965), S. 18-106. – Vojna. Revolucija. Rossija. Istoriko-publicističskie trudy 1914-1918 gg. [Krieg, Revolution, Russland. Historisch- publizistische Arbeiten der Jahre 1914-1918], Sankt-Peterburg 2017.

Lit.: Alexander Prinz von Hohenlohe, Baron Ferdinand von Wrangel †, in: Nord und Süd. Monatsschrift für internationale Zusammenarbeit 1920, Februar, S. 121-125. – Paul von Rechenberg-Linten, Baron Ferdinand von Wrangel. Ein kurzes Lebensbild, in: Baltische Blätter 4 (1921), S. 14-17. – V[alentin] G[eorgievič] Smirnov, Ferdinand Ferdinandovič Vrangel᾽, Moskva 2009. – Alla Belenkova, „Svjatomu bratstvu veren ja …“. Pamjatnaja kniga liceistov Baltii [„Der heiligen Brüderschaft bleibe ich treu …“. Buch der Erinnerung an die Lyzeums-Zöglinge aus dem Baltikum], Tallinn 2011.

Bild: Smirnov, Ferdinand Ferdinandovič Vrangel᾽.

Norbert Angermann