Künstler als Brückenbauer – grenzüberschreitende Kulturvermittlung als Instrument der Völkerverständigung / Staatspräsident a.D. Levits: Was sie machen ist eine Korrektur des Weltbildes

Es waren Künstler im 18. Jahrhundert als Brückenbauer tätig, die gleichermaßen Vordenker des vereinten Europas im Baltikum waren. Die Erinnerung an diese Pioniere des heutigen Europas hält die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen wach.

Unter dem Titel „Künstler als Brückenbauer – Vordenker hin zu einem vereinten Europa – Grenzüberschreitende Kulturvermittlung als Instrument der Völkerverständigung“ veranstaltete die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen vom 11. bis 13 August 2023 in der Akademischen Bibliothek der Universität Lettlands (LU Akadēmiskā bibliotēka) in Riga ein internationales Kolloquium unter Beteiligung deutscher, lettischer, estnischer und litauischer Wissenschaftler, Vertretern von „Heimatvertriebenen und Heimatverbliebenen“ sowie weiteren Persönlichkeiten.

Das Baltikum ist wie keine zweite Region bis hin zur Gegenwart einer wechselvollen Geschichte ausgesetzt. Als Spielball geopolitischer Interessen konnten die drei baltischen Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit erringen und wurden Mitglieder der Europäischen Union. Eine Unabhängigkeit, die vom Putinschen Narrativ der Wiederherstellung eines Großrussischen Reiches, einhergehend mit dem Narrativ eines einzig und allein gültigen russischen Kulturraumes, im Zuge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, in Frage gestellt wird.

Der Leiter der Eutiner Landesbibliothek Prof. Dr. Axel Walter

Die baltischen Länder verfügen sehr wohl über einen eigenen wissenschaftlich belegbaren Jahrhunderte alten Kulturraum – einen Kulturraum der in besonderem Maße mit der im Mittelalter angefangenen Besiedlung durch den Deutschen Orden verwoben ist. Besonderheit des Baltikums im Hinblick auf diese Wechselbeziehung ist auch, dass im Zuge des mit der Umsiedlung deutscher Siedlungsgemeinschaften im östlichen Europa verbundenen nationalsozialistischen imperialistischen Größenwahns, und in Folge der Deportationen unter Stalin ein großer Teil der heute im Baltikum lebenden deutschen Minderheit aus der heutigen Ukraine, darunter Wolhyniendeutsche, stammt.

Helmut Scheunchen, Kulturpreisträger der Deutsch-Baltischen Gesellschaft

Die Rolle von Künstlern als Brückenbauer, verstanden als Vordenker hin zu einem vereinten Europa und eine heute, nach dem 24. Februar 2022, aktueller denn je grenzüberschreitenden Kulturvermittlung als Instrument der Völkerverständigung war Inhalt des von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen ausgerichteten internationalen Kolloquiums.

Historischer Ausgangspunkt war der 200. Todestag Johann Christoph Brotze (1742–1823) Der gebürtige Görlitzer (damals Niederschlesien / heute Freistaat Sachsen) der in Riga verstarb war nicht nur ein herausragender kultureller Vermittler zwischen dem alten deutschen Sprach- und Kulturraum und dem Baltikum, sondern zugleich eine durchaus einzigartige Gestalt als Pädagoge und Künstler, der auch heute noch im gesamten Baltikum hoch verehrt wird.

Staatspräsident a.D. Eglis Levits

Gerade die Jahrzehnte um und besonders nach 1800 werden für Litauen, Lettland und Estland oftmals unter dem Siegel des nationalen Erwachens in Kultur und Kunst betrachtet. Das Kolloquium will aufzeigen, dass die engen Kontakte zum deutschen Sprach- und Kulturraum dabei keineswegs abgebrochen wurden, vielmehr fruchtbar weiterwirkten – und zwar nicht nur nebeneinander, sondern auch Ethnien und Nationalitäten übergreifend. Kunst und Kultur bzw. Künstler und Kulturproduzenten bauten in der Tat Brücken, die heute noch zwischen Deutschland und den drei baltischen Staaten tragfähig sind. Von 1764 bis 1769 war u.a. auch Johann Gottfried Herder an der Domschule in Riga tätig und der deutsche Komponist Richard Wagner verbrachte in Riga ab 1837 zwei Jahre als Musikdirektor. Das deutschsprachige Theater in Riga war ein kulturelles Zentrum, hier gastierten in der ersten Hälfte des 19. Jhr. auch Franz Liszt, Clara Schumann, Anton Rubinstein und Wilhelmine Schröder-Devrient.

Einen Mitschnitt aller Vorträge finden Sie hier.

Dank der wissenschaftlichen Fachvorträge und einer Podiumsdiskussion namhafter deutscher, estnischer, lettischer und litauischer Wissenschaftler entstand ein Panorama von Kunst und Kultur der Jahrzehnte um 1800, in dem Lehrer und Künstler wie Johann Christoph Brotze, Musiker, Schriftsteller, bildende Künstler und Architekten in ihrer Funktion und Wirkung als kulturelle Vermittler herausgearbeitet wurden.

Den Abschluss des Kolloquiums bildete ein Blick in die Gegenwart: In einer offenen Diskussionsrunde u.a. mit dem ehemaligen lettischen Staatspräsidenten Levits, ging es darum, die Rolle der Erinnerungskultur für die regionalen und nationalen Identitäten der Gegenwart zu betrachten und dabei insonderheit auch die aktuelle Bedeutung von Kunst und Kultur, unter Einbezug der Medien, in den drei eng mit Deutschland verbundenen Staaten zu reflektieren. Staatspräsident a.D. Levits dankte der Kulturstiftung für die Ausrichtung des Kolloquiums und erklärte in der abschließenden Podiumsdiskussion, dass die Arbeit die man leiste als eine „Korrektur des Weltbildes“ hin zu einem „objektiveren und gerechteren Weltbildes“ darstelle.

Brotze-Ausstellung

Im Rahmen des Kolloquiums der Kulturstiftung „Künstler als Brückenbauer – Vordenker hin zu einem vereinten Europa – Grenzüberschreitende Kulturvermittlung als Instrument der Völkerverständigung“ anlässlich des 200. Todestag des Görlitzer Johann Christoph Brotze, der in Riga gestorben ist und im ganzen Baltikum hoch verehrt wird, gab Dr. Aija Taimina, Expertin zum Leben und Werk von Brotze, eine Führung durch eine Sonderausstellung.

Europäisches Friedenskonzert

Auftakt des internationalen Kolloquiums der Kulturstiftung war ein von der Kulturstiftung unterstütztes „Europäisches Friedenskonzert“ in der Alten Sr. Gertrudkirche, über das die hessische Staatsministerin für Bundes und Europaangelegenheiten und Bevollmächtigte des Landes Hessen beim Bund, Lucia Puttrich MdL, dafür gewinnen die Schirmherrschaft zu übernehmen. An dem Konzert nahmen auch der deutsche und der ukrainische Botschafter in Lettland teil, die ein Grußwort hielten.

Einen Artikel und einen Videomitschnitt des Konzertes finden Sie hier.

Gedenken

Zum Abschluss des Konzertes legten Vertreter von Kulturstiftung, Arbeitsgemeinschaft deutscher Minderheiten, Verband der Deutschen in Lettland und der Universitätsbibliothek einen Kranz am Grab von Brotze nieder.

Dr. Aija Taimina, Geschäftsführer Thomas Konhäuser, Vorstandsvorsitzender Dr. Ernst Gierlich, AGDM-Sprecher Bernard Gaida und Verbandsvorsitzende Ilze Garda

Das Programm des Kolloquiums finden Sie hier.